DER MODERATOR
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Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er macht sich stark für einen offenen, fairen Dialog - bei dem auch Trennendes zur Sprache kommt. - im Interview
Aktuelle Sendung
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Einwanderung und Arbeitsmarkt: Fremd im eigenen Land?
Marktkirche:
09.09.2010 um 20 Uhr
Phoenix:
12.09.2010 um 13 und 22.30 Uhr
MIT:
> Bischof Frank Otfried July,
Evangelische Kirche in Würrtemberg
> Uwe Schünemann, niedersächsischer Innenminister
> Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke
> Necla Kelek,
Soziologin und Publizistin -
- mehr dazu
- mitreden
Tacheles-Wettbewerbe Junge Medien
- Ausschreibung zum Tacheles-Kunstpreis: "Das Fremde und wir"
- Aus dem Leben einer Muslima: Mit dem Kopftuch auf dem Campus
- Schicksal einer jungen Deutsch-Türkin: Nicht wegschauen sondern Brücken bauen
- Musterbeispiel der Integration? Hazal lebt in zwei Welten
- Fremdenhass: Wenn die Heimat fremd wird
Junge Medien
- Geld, Gier und Gerechtigkeit - welche Werte tragen uns? Sendung vom 11.10.2009
- Religion und Meinungsfreiheit: Schluss mit lustig? Sendung vom 29.11.2009
- Bundeswehr in Afghanistan: Krieg für gerechten Frieden? Sendung vom 17.01.2010
- Jung, muslimisch, arbeitslos: Ist die Integration gescheitert? Sendung vom 28.02.2010
- Gott, Allah und die Frauen: Diskriminierung im Namen des Herrn? Sendung vom 09.05.2010
- Religion, Medien und Klischees: Zwischen Feindbildern und Vorbildern. Sendung vom 30.05.2010
Rückschau
Mitreden
Einwanderung und Arbeitsmarkt: Fremd im eigenen Land?
- Werden Migrantinnen und Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt benachteiligt? Welche Rolle spielen religiöse Vorbehalte? Können etwa junge Frauen mit Kopftuch erwarten, dass sie in allen Betrieben gleich behandelt werden? mitreden
Tacheles im TV
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- mediathek
Pro & Contra
Einwanderung und Arbeitsmarkt: Ein Erfolgsmodell?
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Pro: "Wir sitzen alle im selben Boot"
meint Bischof Frank July von der evangelischen Landeskirche in Württemberg. > mehr dazu
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Contra: "Wir laden zu viele mit begrenzten Fähigkeiten ein"
entgegnet Prof. Gunnar Heinsohn, Soziologe und Ökonom. > mehr dazu
- mitreden
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UMFRAGE
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Werden Migrantinnen und Migranten auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt?
Junge Muslime und die Bildung
Neugier, Zweifel und Integration
Woran scheitert die Integration? Eine der Streitfragen bei Tacheles.
Junge Muslime in Deutschland scheitern fünfmal so oft in der Schule wie andere Jugendliche. Die Muslimen unter den Einwanderern sind schlechter gebildet, ob sie aus der Türkei, aus dem Nahen Osten oder Südostasien stammen. Sind sie weniger bildungsbereit, oder mauert die Mehrheitsgesellschaft? Jung, muslimisch, arbeitslos: Ist die Integration gescheitert? Darüber stritten bei der evangelischen Talkshow „Tacheles, zum Talk am roten Tisch“ der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber, die Soziologin und Publizistin Necla Kelek, die Leiterin der Muslimischen Akademie in Deutschland, Hamideh Mohagheghi, und der Buchautor Cem Gülay („Türken-Sam: Eine deutsche Gangsterkarriere“).
"Meine Traumwelt einer liebenswürdigen und toleranten Gesellschaft ist zerbrochen", sagt Cem Gülay.
Herr Gülay, Sie sind als Kind von Einwanderern hierzulande geboren, sprechen perfekt deutsch – und sind kriminell geworden. Was ist bei Ihnen schief gelaufen?
Cem Gülay: Meine Traumwelt einer liebenswürdigen und toleranten Gesellschaft ist Mitte der 80er Jahren zerbrochen, als es zu einer planlosen Masseneinwanderung nach Deutschland kam, und damit zunehmend junge Männer ins Land kamen, die aggressiv auf alles Deutsche waren. Daraufhin fingen die Menschen in meinem Umkreis an, über Türken herzuziehen. Ich gehörte nicht mehr dazu. Man hat mich beschimpft als Kanacke, und ich habe die Schule nur noch gerade so geschafft. Als ich dann in der Oberstufe zum Schülersprecher gewählt wurde, hat mir der Schulleiter gesagt, man könne sich keinen türkischstämmigen Schülersprecher leisten, er befürchte, dass dann nicht mehr genug Eltern ihre Kinder anmelden würden.
Friedrich Weber: Gülays Geschichte ist von daher ungewöhnlich, als er immerhin das Gymnasium besucht hat. Nur 10 Prozent der türkischen Einwanderer machen Abitur gegenüber 27 Prozent der Deutschen.
Necla Kelek: Sie beschreiben, wie sich mit der Zuwanderung gerade von jungen Männern aus islamisch geprägten Regionen die Atmosphäre hierzulande geändert hat. Und zugleich fing eine Heiratsmigration an, dass man für junge Männer eine Braut aus ihrem eigenen Dorf gesucht hat, um die spätere Rückkehr in die Heimatregion zu erleichtern. Damit begann die Abgrenzung der hier lebenden Muslime gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Hamideh Mohagheghi: Wenn nahegelegt wird, dass die Religion ein Hinderungsgrund sein sollte, sich zu bilden, sollten wir vorsichtig sein. Wenn Einwanderer im Bildungssystem scheitern, kann das soziale, wirtschaftliche und auch religiöse Gründe haben. Dieses Scheitern pauschal dem Islam anzulasten, bringt uns nicht weiter.
Will Erklärungen finden: die Soziologin Necla Kelek.
Kelek: Einspruch! Die Religion spielt eine gewichtige Rolle im Alltag, wie Werte vermittelt werden. Viele Einwanderer sind gläubige Menschen, und vielfach eben gläubige Muslime. Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, aber Erklärungen zu finden. Und alle interkulturellen Konzepte sind gescheitert, weil sich die Eingewanderten immer mehr in ihre islamische Kultur zurückgezogen haben.
Weber: Natürlich ist die Familie von entscheidender Bedeutung dafür, dass Kinder in den ersten Lebensjahren die Sprache erwerben und sich in der Welt zurechtfinden. In den islamisch geprägten Familien spielt der Glaube eine wichtige Rolle, und es ist eine Pflicht der Mehrheitsgesellschaft, dafür zu sorgen, dass unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ihre Religion leben können. Und da sind wir bei den Unterschieden.
Das Christentum ist keine Schriftreligion wie der Islam, sondern bezieht sich auf eine Offenbarung, die immer wieder anders verstanden wird. Muslime betrachten den Koran dagegen als unveränderbar, Gott als allmächtig, was in die Hierarchie der Familien hineinschwenkt. Am Ende haben wir den starken jungen Mann, der sich nichts sagen lässt.
Kelek: Wenn Sie, Frau Mohagheghi, sagen, der Islam verlange, sich zu bilden, warum sind dann gerade so viele muslimischen Einwanderer arbeitslos? Der Koran schreibt vor, die religiösen Texte und die Gesetze Allahs zu lesen, aber das hat doch mit Bildung nichts zu tun!
Mohagheghi: Mit Halbwissen über islamisches Wissen und islamische Theologie kommen wir nicht weiter. Wenn wir im Westen die wunderbare Demokratie und Aufklärung sehen, ist das zu großen Teilen dem Islam zu verdanken. Dass sich viele Muslime zurückgelehnt und sich nicht mehr genug weiterentwickelt haben, ist ein anderer Aspekt. Wir müssen unterscheiden, was der Koran vorgibt, und wie der Islam gelebt wird.
In unserem Online-Forum schreibt jemand, wenn man in Deutschland Erfolg haben wolle, müsse man sich vom Islam abwenden.
Gülay: Wenn man hier etwas werden will, muss man sich zu diesem Land bekennen. Ich bin ja auch Moslem angeblich…
Angeblich oder wirklich?
Gülay: Ja, wirklich! Aber man weiß es manchmal selbst nicht genau, wenn man nicht so religiös ist. Und ich halte für einen Fehler, den Islam als Kern der Integrationsproblematik zu sehen. Nur 20 Prozent der hier lebenden Muslime fühlen sich durch die Islamverbände vertreten.
Mohagheghi: Ich lebe seit 35 Jahren in Deutschland, ich bin in meinem Glauben stärker geworden und lebe ihn von ganzem Herzen, und ich lebe gut hier. Ich bin demokratisch und liberal und eine religiöse Muslima. Darin liegt kein Widerspruch. Immer wieder zu behaupten, der Islam sei nicht reformfähig und sei so wie vor 1400 Jahren, stimmt einfach nicht. Und wenn Muslime Probleme mit der Bildung haben, dann nicht deshalb, weil sie Muslime sind.
Kelek: Der Islam wurde von Anfang an als Kultur gelebt und übermittelt, und dazu gehören unzählige Anweisungen des Propheten für den Alltag. Diese Hadise sind in keiner theologischen Schule analysiert worden. Der Islam ist ein System, es gibt kein einziges säkulares islamisches Land, in dem eine Wissenschaft betrieben wird, die den Islam historisierend betrachtet. Das gibt es nur unter europäischen Dissidenten. Wir müssen endlich hier in Europa mit unserem Verstand den Islam betrachten und uns säkularisieren. Dann kann jeder Religionsfreiheit in Anspruch nehmen.
Auch die Mehrheitsgesellschaft habe ein Problem, meint Landesbischof Friedrich Weber.
Weber: Nein, wir müssen uns nicht säkularisieren. Religion und ihre Praxis haben immer Auswirkungen auf den Alltag. Gerade in einer unsicheren Situation, wenn sich Menschen in einer Gesellschaft als ungewollt erleben, hat Religion eine riesige Bedeutung. Da sprechen wir von Schalen-Muslimen, die nicht innerlich vom Islam überzeugt sind, aber die sich ganz stark für den Islam engagieren, weil sie das Gefühl haben, dass diese Gesellschaft sie ausspuckt. Da hat auch die Mehrheitsgesellschaft ein Problem, auch unsere Kirchengemeinden müssen mehr tun. Wir haben in Salzgitter evangelische Kindergärten, in denen mehr als die Hälfte der Kinder muslimisch ist.
Gülay: Wenn viele junge Menschen nicht ankommen, suchen sie Halt und suchen ihresgleichen. Früher haben sich Türken und Araber in den Großstädten die Köpfe eingeschlagen, heute sehen sie sich als Brüder und suchen sich Feindbilder. Wo haben sie denn positive Vorbilder? Wo sind die erfolgreichen Muslime in Deutschland?
Kelek: In der muslimischen Welt sind Zweifel, Neugier nicht erlaubt, oder Fragen wie: woher kommen wir, was ist Allah, was will er von uns. Als völlig undenkbar gilt, ihn sogar grundsätzlich in Frage zu stellen. Wir sind die Überväter nicht losgeworden. Ich kenne kaum einen Muslim, der ein freier Geist wäre. Das heißt, dass er sich von Übervätern befreien muss, wie das vielen Europäern gelungen ist. Das heißt, sich zu lösen von Übervater Allah, Übervater Prophet, Übervater Atatürk, dann vom eigenen Vater, den Brüdern, Nachbarn, Tanten, Onkeln – dieser gesamte Struktur, die den einzelnen bewacht und ihm sagt, du bist nicht du, du bist ein Teil von uns. Wir müssen aus diesem Gewölbe heraus, wenn wir freie Geister und ein Teil der freien, bürgerlichen Gesellschaft werden wollen.
Weber: Wir sehen aus neueren Studien, dass die hochreligiösen Muslime in Deutschland unterdurchschnittlich gebildet sind. Da gibt es einen klaren Zusammenhang.
Mohagheghi: Was heißt hochreligiös, woran machen Sie das fest? Die fünf Gebete und der Fastenmonat machen das nicht aus, sondern die Werte, die der Islam im Koran und in der islamischen Philosophie vermittelt. Die Weisungen des Propheten, die Hadise, sind ein Hindernis, dass wir unser Leben entsprechend der Wirklichkeit gestalten. Aber die Mehrzahl der Muslime schlägt nicht täglich das Buch der Hadise auf, um zu wissen, was zu tun ist.
Kelek: Weil es bereits ihre Kultur ist!
Hamideh Mohagheghi: "Wir brauchen Islamunterricht an staatlichen Schulen."
In den Koranschulen lernen Kinder Koranverse auswendig, im evangelischen Konfirmandenunterricht wird die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben befördert. Zeigt das nicht Unterschiede im Bildungsverständnis?
Mohagheghi: Nicht viele Kinder gehen zu den Koranschulen Wir brauchen einen islamischen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen, damit die Kinder lernen, auch mit dem eigenen Glauben kritisch umzugehen.
Kelek: Warum lernen das die Muslime denn nicht selber? Sind da wieder die Deutschen schuld? Müssen das die Deutschen einrichten, damit die Muslime endlich anfangen zu fragen und zu zweifeln?
Weber: Ich sehe ein Problem darin, dass gläubige Muslime sich kritischen Fragen gegenüber nicht zugänglich zeigen. Aber wir sind in Niedersachsen auf einem guten Weg, dass wir islamischen Religionsunterricht erproben. Das haben die evangelischen und katholischen Kirchen sehr begrüßt, denn der Islam ist für uns ein wichtiger Ansprechpartner. Viele Menschen haben im Islam ihren Halt und ihren Lebenssinn, und wir haben keinen Grund, das zu zerstören. Wir möchten aber, dass Glaubensfragen sprachfähig werden, dass wir uns im Dialog austauschen können. Dazu bedarf es dieses Religionsunterrichts. Er muss in Deutsch erteilt werden, nach deutschen Lehrplänen und von Lehrkräften, die in Deutschland ausgebildet sind. Und er muss abgestimmt sein mit den Verbänden, die für den Islam sprechen können – nur die haben wir nicht.
In Deutschland werden zunehmend Privatschulen gegründet, beispielsweise die Islamische Grundschule in Berlin-Kreuzberg oder türkisch-deutsche Gymnasien in Hamburg, Hannover oder Mannheim. Ist das ein Modell?
Kelek: Nein, aber solche Schulgründungen haben damit zu tun, dass Eltern in die Bildung ihrer Kinder investieren. Das eröffnet diesen Kindern die Chance weiterzukommen.
Mohagheghi: Ich bin absolut gegen extra Räume für bestimmte Gruppen in dieser Gesellschaft. Das bringt die Integration nicht weiter. Ich halte für wichtig, dass sich Kinder als Deutsche und Muslime fühlen und sich selbstbewusst in diese Gesellschaft einbringen.
Weber: Integration heißt nicht, dass die Menschen, die zu uns gekommen sind, so werden müssen wie wir. Integration heißt immer, dass sich beide Seiten verändern. Darum gehört Integration in die staatlichen Schulen, die für alle offen sind. Da kommt es darauf an, dass die Klassen nicht zu groß sind, dass es guten Sprachunterricht gibt und der Anteil der Eingewanderten nicht zu hoch ist, sonst sind viele Eltern abgeschreckt.
Kelek: Wenn ich aus der Arbeit mit Eltern von Schulkindern höre, dass es noch Mütter gibt, die Angst haben, in die Schule zu gehen, müssen wir Muslime uns doch fragen, wo sind diese Frauen groß geworden? Können wir in der vierten Einwanderergeneration dieses Thema nicht mal abschließen? Das macht mich wahnsinnig! Wo waren denn zum Beispiel Ihre Eltern? Warum bekommen muslimische Jungs so wenig Unterstützung von ihren Familien? Und wenn Sie fragen, warum es nicht genug Vorbilder für junge Muslime gibt, warum waren Ihre Eltern kein Vorbild?
Gülay: Es gibt eine ganz klare Diskriminierung von türkischstämmigen jungen Leuten. Was nützt Bildung, wenn man trotzdem keinen Job kriegt?
Kelek: Wir sollten die Opferhaltung vieler Muslime überwinden und nicht betteln, dass sie zu Elternabenden kommen und sich um ihre Kinder kümmern. Wir Muslime sollten uns wie Erwachsene benehmen, wenn wir Integration wollen, und wir müssen bereit sein, uns auch kritischen Fragen an uns selbst zu stellen.
Weber: Die frühkindliche Erziehung ist wesentlich. Bereits in den Kindertagesstätten sollen Kinder christlichen Glaubens und muslimischen Glaubens auch die kulturellen Werte des jeweils anderen erkunden. Dafür brauchen wir besser ausgebildete Erzieherinnen, und dafür müssen wir die Eltern gewinnen. Es gibt auch hinreichend Eltern der Mehrheitsgesellschaft, die nicht zu Elternabenden gehen und ihre Kinder vernachlässigen. Ich erwarte auch, dass muslimische Eltern in der Öffentlichkeit und nicht nur in ihren eigenen Vereinen präsenter sind und sich der Begegnung stellen.
Moderation: Jan Dieckmann
Dokumentation: Thomas Hestermann

