DER MODERATOR
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Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen. - im Interview
Aktuelle Sendung
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Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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- mehr dazu
- mitreden
Tacheles-Wettbewerbe Junge Medien
- Tacheles-Netzfilmwettbewerb: Gewinner steht fest
- Tacheles-Kunstpreis: Internationale Kunst in der Marktkirche
- Tacheles-Jugendmedienwettbewerb: Leben in zwei Welten
Junge Medien
- Zwischen Versöhnung und Entfremdung: Wie vereint ist Deutschland? Sendung vom 15.4.2012
- Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken? Sendung vom 26.2.2012
- Streit um den Sozialstaat: Ist sich jeder selbst der Nächste? Sendung vom 06.11.2011
- Sehnsucht nach Sinn: Wie viel Kirche braucht das Land? Sendung vom 16.10.2011
- Der Papst und Luthers Erben: Einig im Glauben oder für immer getrennt? Sendung vom 18.9.2011
- Die neue Welt des Internets: Ist nicht Privates mehr heilig? Sendung vom 19.6.2011
- Zwischen Angst und Verantwortung: Wird Deutschland zum Anti-Atom-Staat? Sendung vom 22.05.2011
- Gentest am Embryo: Wird der Mensch zum Schöpfer? Sendung vom 17.04.2011
- Furcht vor Anschlägen: Mit dem Islam gegen den Terror? Sendung vom 06.02.2011
- Islam in Deutschland: Friedensreligion oder Kultur der Gewalt? Sendung vom 17.10.2010
Rückschau
Mitreden
Wirtschaftswachstum als Leitgröße: Ist immer mehr immer besser?
- Umweltschützer und Sozialforscher warnen vor den Grenzen des Wachstums. Ein immer höherer Lebensstandard für immer mehr Menschen sprenge die Welt. Unternehmer halten dagegen – nur robuste Zuwächse sicherten Arbeitsplätze. Inwieweit kann oder muss Wachstum Leitgröße der Politik sein? Welches Wachstum ist gesund? Welche Werte zählen wirklich – was meinen Sie? mitreden
Tacheles im TV
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- mediathek
tacheles im radio
- Wie vereint ist Deutschland?
- Schwere Entscheidung Organspende
- Ist sich jeder selbst der Nächste?
- Wie viel Kirche braucht das Land?
- Einig im Glauben oder für immer getrennt?
Pro & Contra
Deutsche Einheit – darf Ostalgie noch sein?
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Ostalgie ist nicht nur schlecht,
sagt der evangelische Bischof Gerhard Ulrich. > mehr dazu
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Die DDR war ein Unrechtsstaat,
entgegnet der Publizist Wolfram Weimer. > mehr dazu
- mitreden
Die neue Welt des Internets
Hunderte von Freunden - und keiner hilft beim Umzug
Unsere Gesellschaft wandelt sich rasant – immer mehr Menschen tauschen sich per Internet in sozialen Netzwerken wie Facebook aus. Arglos stellen sie intime Texte und Bilder ins Netz oder führen virtuelle Tagebücher, sogenannte Blogs. Verändert sich unser Bild von Intimität, ist Datenschutz von gestern, wie manche jungen Internetnutzer meinen? Darüber diskutierten mit Tacheles-Moderator Pastor Jan Dieckmann die bayerische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die Internetaktivistin Julia Schramm, der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, der Medienwissenschaftler Prof. Hendrik Speck und Dr. Bernhard Rohleder, Geschäftsführer der Bitkom, des Verbandes der Informationswirtschaft.
Sie leben die neue Welt des Internets, verbreiten täglich Kurznachrichten über Internetdienste wie Twitter. Viele Ihrer mehr als 2000 Netzbekanntschaften haben Sie persönlich nie getroffen. Warum ist es Ihnen so wichtig, mit diesen Menschen dennoch in ständigem virtuellen Kontakt zu sein?
Julia Schramm: Ich habe irgendwann angefangen, Twitter zu nutzen, und seitdem ist ein hohes Maß an Interaktion da. Gerade wenn man so viele Follower hat wie ich, kann man nichts mehr schreiben, ohne dass auch reagiert wird. Man schreit etwas in die Welt hinaus und bekommt Reaktionen. Das ist faszinierend und macht viel Spaß. Man lernt Leute ganz anders kennen. Und die Beschränkung auf 140 Zeichen bei Twitter führt dazu, das Wesentliche herauszuziehen.
Hendrik Speck: Für den Großteil der Jugendlichen ist das die Art zu leben. Aber machen wir uns nichts vor, das ist dasselbe, was südamerikanische Diktatoren mit wesentlich mehr Twitterern als Frau Schramm machen. Das sind nicht nur kleine, nette, freundliche Leute, die ihren 700 besten Freunden etwas mitteilen, sondern das sind Plattformen, die spezifischen Interessen dienen und natürlich auch kriminellen, politischen und wirtschaftlichen Interessen gebraucht oder missbraucht werden.
Auch Sie als Regionalbischöfin nutzen soziale Netzwerke wie Facebook, laden darüber zum Gottesdienst ein, warum?
Susanne Breit-Keßler: Die evangelische Kirche verdankt sich ja neben den überragenden Einsichten Luthers auch dem seinerzeit neuesten Medium, nämlich dem Buchdruck. Die evangelische Kirche war immer schon vorne dran, neue Medien zu verwenden, um die gute Botschaft in die Welt zu tragen. Gleichzeitig hat uns unser großer reformatorischer Ahnherr gelehrt, kritisch damit umzugehen. Ich verbringe jetzt nicht Tage und Wochen vor Facebook, aber ich fand es beispielsweise schön, vor dem Ökumenischen Kirchentag auf bestimmte Veranstaltungen hinzuweisen und zu sagen: Leute, kommt, da passiert etwas Tolles.
6 Prozent der unter 30-jährigen Internetnutzer nutzen soziale Netzwerke, worin liegt deren große Faszination?
Peter Schaar: Faszinierend daran ist, dass man nicht nur aufnimmt, sondern selber auch sendet, dass soziale Netzwerke also zumindest den Anschein einer freien und gleichen Kommunikation erzeugen. Ich sage bewusst Anschein, denn Herr Speck hat natürlich Recht, nicht jeder wird auf 2000 oder zwei Millionen Follower kommen, sondern einige geben den Ton an und repräsentieren den Mainstream. Und die haben mit Twitter einen zusätzlichen Kanal, mit dem sie ihre Botschaften vermitteln. Dass da auch gute Dinge kommuniziert werden, ist sicherlich richtig und gut. Aber man sollte nicht daran glauben, dass hier eine Revolution stattfindet.
Bernhard Rohleder: Wir sind alle Kommunikationstiere. Und über soziale Medien eröffnen sich ganz neue Kommunikationswege. Insofern scheinen die sozialen Netzwerke einem Urbedürfnis des Menschen zu entsprechen. In einem freiheitlichen Land wie Deutschland sollte man nicht unbedingt wie Sie, Herr Schaar, anzweifeln, dass es kein freiheitliches Medium sei. In anderen Teilen der Welt stiften soziale Medien, gerade auch Twitter, derzeit Revolutionsbewegungen, und zwar im demokratischen Sinne. Deshalb sollten wir aus der Nabelschau herauskommen und sehen, was diese Medien an Gutem bewirken. Da gibt es nicht nur Diktatoren, die sie missbrauchen.
Schaar: Natürlich missbrauchen nicht nur Diktatoren soziale Netze, sondern gebrauchen sie auch Demokraten. Barack Obama hat seine Wahlkampagne so aufgebaut, dass Facebook dabei eine große Rolle spielte. Aber: Zu glauben, dass diejenigen, die sonst nichts zu sagen haben, und diejenigen, die viel zu entscheiden haben, plötzlich auf einer Augenhöhe seien, ist größtenteils eine Illusion. Ich verdamme die neuen Medien nicht. Aber wir müssen die Funktionsweise und die Wirkungen sozialer Netze nüchtern betrachten.
Breit-Keßler: Wir leben in einer Zeit, in der jeder und jede gern vorkommen möchte. Andy Warhol hat ja prophezeit, jeder Mensch werde mal für 15 Minuten berühmt sein. Und besonders Jugendliche haben eine große Sehnsucht, vorzukommen, anerkannt zu werden, Freunde zu haben, groß herauszukommen. Und da ist es ideal, wenn man bei Facebook ruckzuck Tausende von Freunden gewinnen kann, wenn man denn jede Freundschaftsanfrage beantwortet oder die eigene auch beantwortet wird. Aber da ist ein Irrtum. Denn das sind natürlich keine echten Freunde. Die kennt man oft nicht und dann weiß man nicht, wie sie wirklich sind. Echte Freundschaft ist etwas Anderes.
War das Ihre Hoffnung, per Twitter berühmt zu sein?
Schramm: Jein. Es ist natürlich eine Entwicklung der letzten Jahre, die wir auch bei Fernsehformaten wie "Deutschland sucht den Superstar" sehen.
Und was gibt es Ihnen, wenn 2000 Menschen Ihre Kurznachrichten, die so genannten Tweets, lesen?
Schramm: Momentan macht mir das etwas Angst. Weil alles, was ich twittere, kommentiert wird. Es ist eine interessante Form der Interaktion. Es ist Unsinn, dass man die Menschen dadurch nicht kennenlernt. Natürlich ist es eine andere Form des Kennenlernens und der Auseinandersetzung. Aber es ist eine Facette menschlichen Seins.
Breit-Keßler: Aber nur, wenn die nicht vorgetäuscht ist. Man kann sich ja hinter ganz falschen Identitäten verstecken. Da gibt man gar nichts von sich preis, sondern tut so, als wäre man jemand anderes.
Schramm: Aber das ist auch eine Identität!
Breit-Keßler: Das ersetzt doch nicht die echte Beziehung zwischen Menschen, die sich wirklich sehen können, so wie ich Sie jetzt sehen und erleben kann. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ich Ihre 140-Zeichen-Botschaften lese.
Schramm: Das Körperliche fällt weg. Es ist ein geistiger, ein rein geistiger Austausch.
Müssen wir uns von alten Vorstellungen von Privatsphäre verabschieden?
Speck: Grundsätzlich ist das wie bei jedem neuen Medium und bei jeder neuen Technologie - wir probieren sie aus, wir gehen bis an die Grenzen, und es gibt immer irgendwelche Reibungskonflikte mit existierender Struktur und Gesellschaft. Das ist völlig normal. Jetzt wird möglicherweise die Grenzschicht zwischen Privatem und Öffentlichem verschwinden. Erst recht dann, wenn Menschen computerinkompetent oder netzunfähig sind, also sich mit diesen Medien nicht wirklich auseinandersetzen. Dann wird das Internet eher als Gefahr, als Bedrohung empfunden.
Ist es für Sie eine Gefahr?
Speck: Ich wäge die Vorteile und Nachteile ab. Ich bilde mir ein, dadurch, dass ich beruflich mit neuen Medien agiere, darüber eine Menge zu wissen, aber es bedeutet dennoch, dass ich sehr genau überlege, welche Aspekte meines Privatlebens ich öffentlich mache. Und da bin ich zurückhaltend.
Im Tacheles-Forum wird sehr skeptisch über die sozialen Netzwerke diskutiert, insbesondere wird gefragt, ob der Datenschutz wirklich sicher sei.
Schaar: Leider nicht, die Antwort haben Sie vielleicht schon erahnt. Befürchtet! Man muss zwei Dinge unterscheiden. Zum einen, was stelle ich über mich ins Netz. Darüber kann ich ja doch entscheiden. Allerdings denken viele nicht so darüber nach und dann werden sie von negativen Folgen überrascht. Zum anderen, dass Riesenunternehmen, die den Markt beherrschen, wahnsinnig viel über uns wissen. Die speichern alle diese Botschaften und auch mit wem wir wann kommunizieren. Diese Freundesnetzwerke können weiterfolgt werden von Freunden, die Freunde von Freunden sind, man kann daraus ganz viel über den Einzelnen erfahren. Und das macht mir große Sorge.
Speck: Ich habe nach einer Fernsehsendung 120 neue Freunde gewonnen. Und - wieweit helfen die mir beim nächsten Umzug? Dennoch ist es ein Grundbedürfnis von vielen, vorrangig jungen Leuten. Es wäre albern, da etwas zu zensieren.
Nehmen Sie dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ab, dass er möchte, dass Menschen glücklich und miteinander befreundet sind?
Speck: Das nehme ich ihm voll und ganz ab, solange das dazu führt, dass seine Aktienoptionen sich vermehren. Und das passiert, indem auf Grundlage amerikanischer Datenschutzbestimmungen, die mit unseren wenig gemein haben, Nutzerdaten vermarktet werden.
Rohleder: Ich glaube nicht, dass ein Mark Zuckerberg noch an Geld denkt. Der will die Welt verändern. Geld hat er genug, der muss nicht mehr arbeiten. Von daher bezweifele ich, ob er überhaupt weiß, wie seine Aktienoptionen stehen. Vielleicht will er seine Mitarbeiter motivieren, indem er seinen Mitarbeitern auch Aktien gibt und dafür sorgt, dass sie gut bezahlt werden, damit sie weiter dabei bleiben. Aber die Motivation ist, glaube ich, bei all denen, die an der Spitze von Großkonzernen stehen, eine ganz andere und nicht eine vorrangig materielle. Das sind keine Altruisten. Unternehmen sind in erster Linie dazu da, Gewinn zu machen. Und die Politik und Herr Schaar als Bundesdatenschutzbeauftrager sind dazu da, die Unternehmen so auszurichten, ihnen solche Leitplanken zu geben, dass dieser wirtschaftliche Antrieb den größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzen entfaltet. Und das ist die Kernfrage, wie Unternehmen wie Facebook nicht nur für die eigene Tasche, sondern letztlich auch für die Gesellschaft arbeiten.
Schaar: Sie machen mir Angst. Wenn Zuckerberg nicht nur seinen Gewinn optimieren, sondern die Welt verändern will, hieße das: Wenn aufgrund der unglaublichen Durchdringung dieses Marktes die damit verbundene Macht auch ausgeübt wird, und zwar ohne, dass dies irgendeiner demokratischen Kontrolle unterliegt, dann halte ich das für extrem gefährlich. Gewinnsucht lässt sich noch einschätzen. Dass politische Vorstellungen verfolgt werden, hat es in Deutschland auch gegeben, der Hugenberg-Konzern und Hitler sind ein typisches Beispiel. Dass das heute auf globaler Ebene stattfindet, macht mir Sorge.
Rohleder: Wahrscheinlich ist niemand stärker demokratisch kontrolliert als die sozialen Netzwerke. Wo die Kunden mit ihren Füßen abstimmen, ob sie dort hingehen oder nicht. Die Marktführer in Deutschland, die VZ-Netze, sind deutlich besser im Datenschutz als Facebook, schützen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren mit einschlägigen Voreinstellungen. Und wo gehen die Leute hin? Sie gehen zu Facebook. Derzeit melden sie sich massenhaft bei den VZ-Netzen ab. Das ist Demokratie, und damit müssen wir leben. Wenn vielen Menschen der Datenschutz offenbar gar nicht so wichtig ist, müssen wir dafür sorgen, dass sie keinen Unfug damit stiften können, so dass sie sich selbst schaden.
Schaar: Ich meine nicht nur den Datenschutz!
Breit-Keßler: Seit ich mich bei Facebook angemeldet habe, bekomme ich sehr viel mehr Reklame per Email. Es muss damit irgendwie in Zusammenhang stehen und das beschäftigt mich. Wir brauchen auch in der Kirche und in der Schule Medienpädagogik, damit junge Leute, die ihren Spaß damit haben, was ich nachvollziehen kann, lernen, vernünftig damit umzugehen. Sie sollten Kriterien bekommen und selber mitentwickeln, die ihnen helfen, mit diesen neuen Medien so umzugehen, dass sie nicht irgendwann zum Opfer werden. Gerade eben haben Hacker in München - ich muss schon sagen, Gott sei Dank - eine Mobbingseite gehackt. Das zeigt die Ambivalenz des Mediums, dass man sich schon heimlich freut, wenn jemand eine Mobbingseite hackt, auf der junge Leute kaputtgemacht wurden, durch üble Nachrede und Ähnliches.
„I share gossip“ heißt die Seite, zu Deutsch: Ich verbreite Tratsch. Und die Folgen reichten so weit, dass ein junger Mann krankenhausreif geschlagen wurde. Herr Schaar, brauchen die Datenschützer die Unterstützung digitaler Bürgerwehren?
Schaar: Ich finde erstmal gut, dass Leute sich Gedanken machen, was können wir tun, im Rahmen der Gesetze natürlich, um bestimmten Unsinn abzustellen.
Breit-Keßler: Klar.
Schaar: Junge Leute haben beispielsweise vor diesem Hacker-Angriff alles Mögliche auf dieses Forum gestellt, damit die richtig widerlichen Inhalte gar nicht mehr gefunden werden. Das war eine tolle Aktion.
Schramm: Es gab solche Flutungen, ich glaube, die Seiten sind auch mal mit Bibel-Zitaten geflutet worden, damit sie für das Mobbing unbrauchbar wurden. Ich möchte nur betonen: Mobbing findet vor allem in der realen Welt statt. Natürlich kann man darüber schreiben, dass jemand ein hässlicher Mensch sei. Aber wenn ich in der Schule angespuckt und verfolgt werde und nicht mehr in die Schule gehen möchte, ist da das eigentliche Problem. Man darf es nicht auf das Medium schieben. Es bringt nichts, Menschen vor sich selbst zu schützen. Man muss jungen Leuten die Konsequenzen aufzeigen. Aber wenn man über Indizierung spricht, sehe ich das sehr kritisch. Auch Jugendliche kennen ihre Grenzen, sie haben nur manchmal Probleme, sie durchzusetzen.
Schaar: Im Internet wissen Sie ja meist gar nicht, wen Sie vor sich haben, es sei denn, es sind Leute, mit denen Sie auch im echten Leben umgehen. Es ist ein Problem, dass man erstmal den Angaben vertraut, so sind Menschen nun mal gestrickt und die Möglichkeit, in eine andere Identität und damit Vertrauen zu erschleichen, das ist ein Aspekt, der Sorgen macht.
Breit-Keßler: Sie haben Recht, Frau Schramm, dass es Mobbing im wirklichen Leben ist, und dass es schrecklich ist, wenn man direkt angespuckt und feindselig angeredet wird. Das Problematische im Internet ist, dass man den Menschen, die einen mobben, so schlecht habhaft werden kann. Im normalen Leben weiß ich, wer mich verfolgt, ich kann Getratsche besser zurückverfolgen, dafür gibt es auch Mobbing-Beratungsstellen.
Schramm: Ich kann Mobbing aber auch besser ignorieren. Ich kann meinen Computer auch abschalten.
Breit-Keßler: Das finde ich nicht. Mobbing kann in der Schule brutal sein, aber wir haben Mobbingberater, die dann da hingehen. Im Internet ist man dem total ausgeliefert, weil Leute vielfach anonym bleiben. Ich kann im Internet regelrecht hingerichtet werden. Das bringt mich wahnsinnig auf, wenn man sich nicht zu dem stellt, was man tut.
Schramm: Es ist ja auch nicht schlimm, dass man alles preisgibt, wenn man nichts zu verbergen hat.
Breit-Keßler: Ich finde es ganz falsch, wenn man alles preisgibt, dann wird man zum völlig öffentlichen Menschen und gehört nicht mehr sich selbst, sondern nur noch anderen.
Schramm: Der Punkt ist doch, dass Anonymität im Internet Privatsphäre doch gerade erst ermöglicht. Anonymes Surfen stellt Privatsphäre erst her. Man kann zwar der Täter im Internet schlechter habhaft werden, aber das Mobbing ist in der Realität.
Breit-Keßler: Es ist beides real, das Mobbing im Internet und das von Angesicht zu Angesicht.
Schramm: Es ist ein Abbild der Realität.
Rohleder: Wir haben dazu mit Forsa ein paar interessante Umfragen gemacht. Da zeigte sich beispielsweise, dass Mobbing im Internet sehr viel stärker wahrgenommen wird als auf dem Schulhof. Wenn man auf dem Schulhof gehänselt wird oder einen Ellbogen in die Rippen bekommt, wird das als nicht so schlimm empfunden, als wenn auf der eigenen Facebook-Seite ein fieser Spruch hinterlassen wird. Gleichzeitig gilt aber, dass die Aufklärungsrate bei Internetkriminalität doppelt bis dreifach so hoch ist wie im normalen Leben. Der Eindruck, dass man der Internetnettäter, und wenn es Mobber sind, nicht habhaft würde, ist falsch. Da gibt es Beispiele aus Berliner Schulen, wo auf einer Webseite geschrieben wurde, "ich möchte dein Fleisch auf der Straße sehen", "ich bringe dich um", und daraufhin zwei Schüler von Berliner Gymnasien verwiesen wurden.
Schramm: Ich bin ein paar Mal bedroht worden und sitze auch noch hier.
Melanie R., eine junge Frau aus Peine, verabredete sich über das Internet mit einer jungen Frau, wie sie dachte. Doch sie traf ihren Mörder. Sind wir gegenüber dem Internet noch zu arglos, müssen wir Vorsicht erst neu lernen?
Schramm: Das Leben ist nicht ungefährlich. Dieser Fall ist extrem. Und diese junge Frau hat sich auf ein persönliches Treffen in einer Privatwohnung eingelassen.
Schaar: Das gibt es natürlich auch in der realen Welt. Wer weiß, ob der Mörder, der das Mädchen auf diesem Weg angelockt hat, nicht auch auf anderem Weg ein Verbrechen begangen hätte. Uns muss bewusst sein, dass das Internet mit Risiken verbunden ist. Deshalb darf man sich nicht naiv im Netz bewegen. Da sind nicht nur Datenschützer aufgerufen, auch die Nutzer selbst.
Speck: Man muss sich bewusst mit den Stärken und Schwächen der einzelnen Plattformen auseinandersetzen. Meine Studierenden sind innerhalb von zwei, drei Tagen in sämtlichen Plattformen drin, und zwar mit dem Zugriff auf alle Daten. Es hat eine Untersuchung der Stiftung Warentest gegeben, die den Netzwerken etikettierte: ungeschützt. Es ist eine neue Technologie, und wir müssen lernen, wie wir sie sozial einbetten. Und das ist keine Schluckimpfung, bei der man jemandem eine Spritze reinjagen kann, sondern es ist dummerweise ein längerer Prozess, der alle Beteiligten fordert: Nutzer, Wirtschaft, Politik, Datenschutz und Co.
Breit-Keßler: Dazu gehört auch, mit bestimmten Begriffen umsichtiger umzugehen. Denn der Begriff Freund oder Freundin wird bei Facebook zu leichtfertig verwendet. Natürlich kann ein echter Freund oder Freundin eine Freundschaftsanfrage starten, damit wir uns übers Netz auch treffen. Aber wirkliche Freunde sind die, die einem beim Umzug helfen, die mit mir lachen, die mit mir weinen in der Realität, deren Gesicht ich sehen kann, die meine Hand halten, die ich umarmen kann, und ich finde, wir gehen zu leichtfertig mit wirklich wertvollen Begriffen um und dazu gehört Freund.
Bernhrad Rohleder hält viel von neuen Medien. Er hat seine Frau im Internet kennen gelernt.
Sie haben Ihre Frau über das Internet kennengelernt, wie vorsichtig waren Sie und Ihre Frau beim Kennenlernen?
Rohleder: Ich hatte ein ganz wüstes Profil, und dass das trotzdem geklappt hat, ist schon erstaunlich. Es ist eine sehr schöne Art, sich kennenzulernen. Weil man sich eben nicht zuerst sieht, die optischen Reize spielen überhaupt keine Rolle. Man liest sich zuerst, man spricht dann miteinander, dann sieht man sich. Eigentlich eine sehr viel intimere Art sich kennenzulernen, als mit dem doch sehr profanen Blickkontakt. Ich bin damit nicht allein, sechs bis sieben Prozent aller Internetnutzer haben ihren Lebensgefährten, ihre Lebensgefährtin auf diesem Weg gefunden. Es scheint doch eine breite Bewegung zu werden.
Wenn wir noch mal auf die Risiken sehen: Es gibt Vorschläge, ein virtuelles Kennzeichen einzuführen, das Nutzer schnell und eindeutig identifizierbar sind.
Rohleder: Davon halte ich nicht viel. Wir dürfen nicht nur auf Deutschland sehen. In einem freiheitlichen Rechtsstaat sollten wir mit Anonymität sehr zurückhaltend umgehen. Es gehört schon mit dazu, dass man sich dazu bekennt, was man im Internet tut, wie im normalen Leben, aber in anderen Ländern ist Anonymität dringend notwendig und insofern auch ein schützenswertes Gut im Internet. Daher rate ich von solchen Kennzeichen ab. Es kommt im Übrigen mit dem neuen Internetprotokoll ohnehin.
Schaar: Das ist eine ambivalente Geschichte. Menschen halten sich etwa in Foren auf, weil sie Suchtprobleme haben, weil sie sich über gesundheitliche Probleme und vieles mehr austauschen wollen. Wenn die mit dem realen Namen unterwegs sein müssten, wäre das nicht in Ordnung.
Speck: Wir haben Technologien, die in die Privatsphäre eindringen. Mittlerweile weiß jeder, dass das eigene Telefon Bewegungsprofile aufzeichnet, die nicht nur der Anbieter hat, sondern potentiell auch der Gerätebetreiber oder auch irgendjemand anders, der ein App kontrolliert. Wir wissen, dass Daten protokolliert werden: wie wir uns bewegen, was wir kaufen, was uns interessiert. Nationale Alleingänge bringen uns da wenig. Es geht dummerweise nur mit einer konzertierten Aktion, länderübergreifend. Ansonsten jagen wir mit Krücken durch die Gegend und kommen nicht sonderlich weit.
Vorgeschlagen wird auch, Personalchefs zu verbieten, Bewerber per Internet zu durchleuchten.
Schramm: Ich stelle mir absurd vor, wenn ich in einem Bewerbungsgespräch bin und der Personalchef dreht den Bildschirm um und sagt: "gucken Sie mal". Aber dass mich jemand nicht einstellt, weil er mich gegoogelt hat und gewisse Informationen über mich gewonnen hat, darauf kann ich keinen Einfluss nehmen.
Schaar: Und genau das geschieht. Wenn der Bildschirm mal umgedreht werden würde, würde man immerhin erfahren, dass einer gegoogelt hat. Man wird das Googeln nicht verhindern können. Aber wenn systematisch ausspioniert wird, ob sich ein Bewerber in einer Selbsthilfegruppe angemeldet oder eine politische Äußerung gemacht hat, oder sich da ein ungünstiges Foto findet, und es gibt mittlerweile Dienstleister, die davon leben, dann ist das zumindest grenzwertig.
Speck: Wir diskutieren ja in einer Kirche. Was damit verschwindet, ist der urchristliche Gedanke vom Vergessenkönnen. Vom Verzeihenkönnen. In einer Welt von Bits und Bytes, in der die zweite Festplatte immer billiger ist, taucht das nicht mehr auf.
Menschen teilen im Internet ganz Privates miteinander, und sie trauern auch miteinander. So gibt es virtuelle Friedhöfe und individuelle Gedenkseiten an Verstorbene. Ist das angemessen?
Breit-Keßler: Mir nötigt das Respekt ab, wenn hier Menschen einen Weg finden, mit ihrer Trauer umzugehen. Trauer zu bewältigen, ist eine höchst individuelle Aufgabe. Und wenn jemand glaubt, durch das Internet Trost zu erfahren und damit besser Abschied zu nehmen, verdient das jede Achtung. Gleichzeitig finde ich es notwendig, dass man in der Trauer oder anderen schwierigen Lebenssituationen auch mit realen Menschen Kontakt hat. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Da wünsche ich mir, dass jeder Mensch, der trauert um einen lieben Anderen, andere hat, die ihn in den Arm nehmen, trösten, ihn halten, mit ihm beten und für ihn da sind, persönlich und von Auge zu Auge.
Sie schreiben gerade ein digitales Testament, was wird darin stehen?
Schramm: Ich denke noch darüber nach, was mit meinen Accounts und den digitalen Spuren, die ich hinterlasse, nach meinem Tod passieren soll, ob die weitergeführt werden sollen. Generell will ich nicht, dass sie aus dem Netz verschwinden.
Wollen Menschen online trauern, beten und Rat suchen? Das hat jetzt emnid im Auftrag der Evangelischen Kirche im NDR und der Evangelischen Zeitung repräsentativ erfragt. Überraschendes Ergebnis: Internetseiten, auf denen Verstorbener gedacht wird, sind populär – 40 Prozent aller Befragten halten virtuelle Friedhöfe und Gedenkseiten für einzelne Verstorbene für gut. Gebetsseiten wie www.gebetsportal.de stoßen bei 32 Prozent der Befragten auf Zustimmung.
Und die Mehrheit - 57 Prozent aller Befragten – halten es für gut, wenn Pastoren auch online Seelsorge anbieten.
Breit-Keßler: Die hohe Zustimmung zur Online-Seelsorge überrascht mich nicht, weil wir in Bayern damit schon Erfahrung gemacht haben. Wir halten sie für richtig und gut. Wobei auch hier am Ende oft der persönliche Kontakt steht und Online-Seelsorger und Online-Seelsorgerinnen helfen, für den Menschen, der da Emails schreibt, eine Pfarrerin oder einen Pfarrer vor Ort zu finden, mit dem man sich austauschen kann.
Warnt vor der Datenkrake Facebook: Prof. Hendrik Speck.
Speck: Wenn Sie auf youtube gehen, einen weiteren dieser prominenten Datenabwurfplätze, schauen Sie sich mal an, was der führende Bildungskanal ist. Da sind viele islamische Angebote dabei, die relativ gefestigte Einstellungen und klare Weltbilder kommunizieren. Das ist nicht das christliche Weltbild, aber offenbar ist es vielen Menschen auch in Deutschland sehr wichtig. Das hat positive Effekte, aber kann auch negative Effekte haben, und das sehen wir dann in Frankfurt am Flughafen, wo ein radikaler Islamist, angestachelt durch Hassvideos im Internet, amerikanische Soldaten ermordete.
Aber es gibt eben auch Seiten wie gebetsportal.de, in denen Menschen persönliche Anliegen beschreiben, in denen sie beten.
Breit-Keßler: Das ist eine gute Möglichkeit, sich zu äußern und mit anderen in Kontakt zu treten. Wobei ich nicht immer weiß, wie viel Echtes, Persönliches dahinter steckt. Ich finde, wir haben in unserer Kirche Plattformen wie evangelisch-bayern.de oder geistreich.de. Da kommen Menschen ins Gespräch über ihre Projekte, ihre Erfahrungen mit der Kirche, mit Seelsorge und mit Jugendarbeit. Das ist wichtig, weil man hier wunderbar über Glauben und Glaubenspraxis reden kann.
Auch vor der Religion hat der Facebook-Hype nicht Halt gemacht, wie bei dem T-Shirt "Du hast eine Freundschaftsanfrage von Jesus Christus".
Schramm: Das ist großartig. Jesus hätte heutzutage natürlich auch ein Facebook-Account.
Schaar: Angst macht einem dabei aber doch, dass Facebook alles weiß, was man diesem Jesus anvertraut.
Breit-Keßler: Diese Freundschaftsanfrage müssen Sie ganz anders beantworten, das geht über Facebook gar nicht. Das muss man persönlich machen. Ich könnte mir vorstellen, wenn Jesus heute leben würde, dass er sich mit Facebook kritisch auseinandersetzen würde, aber ich nehme an, er hätte die persönliche Beziehung ganz deutlich vorgezogen. Denn das, was er zu sagen hat, geht nur in der persönlichen Beziehung.
Die Idee des Pfingstfestes ist ja, dass Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen sich verständigen können. Ist in den sozialen Netzwerken etwas von diesem Geist?
Breit-Keßler: Wenn es richtig genutzt wird, kann etwas von diesem Geist drin sein. Als Protestanten sind wir ja immer nachdenklich und kritisch, und wir können das Positive entdecken, das darin steckt, aber wir müssen auch die Gefahren sehen, sonst wären wir blauäugig.
Die neue Tacheles-Staffel steht unter dem Schwerpunkt „Deutschland 2020“. Werden wir in zehn Jahren in einer leeren Kirche sitzen und uns nur noch über Facebook und Twitter austauschen?
Rohleder: Das glaube ich nicht. Die sozialen Netzwerke sind Mittel zum Zweck, zum Beispiel, um sich zu so einem Thema zu versammeln. Sie werden uns künftig sehr viel mehr Nischen bieten. Man wird sicherlich eine große Plattform haben, da sind wir alle drauf. Aber für viele Hobbys, Interessen und einzelne Bevölkerungsgruppen wird es einzelne Plattformen geben.
Speck: Zum einen wird sich der Wandel beschleunigen. Es hat dreißig Jahre gedauert, bis das Fernsehen flächendeckend genutzt wurde, über soziale Netzwerke reden wir erst seit fünf, sechs Jahren, und mehr Menschen nutzen sie, als in Deutschland Zeitung lesen. Damit können unsere Wertmaßstäbe und unsere Gesetzgebung nicht mehr Schritt halten. Wir müssen also mit einer Unsicherheit und mit Auseinandersetzungen leben. Zum anderen wird die Technologie schnell vergesellschaftet. Es spielt dann keine Rolle mehr, ob die Facebook heißt, sondern es geht um die soziale Austauschfunktion, und die wird dann im offenen Protokoll angeboten, ohne dass sie von einem kommerziellen Unternehmen noch verhackstückt werden kann.
Schaar: Die positive Vision wäre, dass wir mit sozialen Netzwerken umzugehen lernen und feststellen, dass wir Werten folgen und denen wir unser Handeln auch im virtuellen Raum anpassen. Die negative Vision wäre, dass wir manipuliert und gesteuert werden. In welche Richtung das geht, ist noch nicht entschieden. Und das hängt von uns selbst ab.
Schramm: Wir werden noch vernetzter leben. Wir steuern auf eine Welt zu, in der man alles wissen kann. Realität und Virtuelles werden sich vermischen.
Breit-Keßler: Als Christenmensch bin ich hoffnungsfroh, und ich glaube, irgendwann geht einem die virtuelle Welt so auf den Keks, dass man wieder richtig riechen, schmecken, fühlen, hören möchte, und dann kehrt man wieder zu menschlichen Beziehungen zurück.
Dokumentation: Thomas Hestermann













