DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
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Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?
Marktkirche:
14.2.2012, 19 Uhr
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MIT:
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Arzt und Organspendekritiker
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Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?
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"Der Mensch hat das Recht auf einen menschenwürdigen Tod", entgegnet Renate Greinert von der Initiative Kritische Aufklärung Organspende (KAO). > mehr dazu

Aus dem Leben einer Muslima

Mit dem Kopftuch auf dem Campus

Beitragsautorin Anna K. Bernzen

Würde sie in der Türkei studieren, sähe ihr Outfit ganz anders aus: Selma Laiouar, 20, trägt ein Kopftuch. Aus Überzeugung und auch in der Uni. Anna K. Bernzen hat sie begleitet und gibt Einblicke in den Alltag einer muslimischen Studentin in Deutschland.

Wer einen Blick in die Lesesäle der BWL-Fakultät der Universität Mannheim wirft, trifft dort auf eine ganze Tierhandlung: Links kleine grüne Krokodile, rechts niedliche bunte Pferde. Von Polohemden, Rautenpullis und Handtaschen heißen sie den Besucher willkommen. Zwischen all den Reptilien und Paarhufern hat eine fleißige Studentin ihren Kopf tief in ihr Lehrbuch vergraben. Einen Kopf, der sicher bedeckt ist von einem fest gebundenen roten Hijab. Seine Trägerin, Selma Laiouar, studiert hier im zweiten Semester Wirtschaftspädagogik. So wie ihr rotes Kopftuch in der Bibliothek, fällt auch sie in den Hörsälen der renommierten Wirtschaftshochschule auf: „Meine Dozenten und die Kommilitonen kennen mich mittlerweile zumindest vom Sehen“, ist sich die 20-Jährige sicher.

Dass sie mit ihrem farbenfrohen Kopftuch zwischen den gesenkten Köpfen in der Bibliothek die Blicke auf sich ziehen würde, war ihr bereits vor Studienbeginn klar. Immerhin trägt sie das Tuch schon seit der neunten Klasse. „Ich wurde von klein auf muslimisch erzogen, aber niemand hat mich dazu gezwungen, das Kopftuch anzuziehen“, erklärt sie. So war ihr Vater zunächst auch skeptisch, als Selma nach ihrer ersten Periode erklärte, nun sei es ihre Pflicht als Muslima, sich zu bedecken: „Er hatte Angst, dass ich hier in Deutschland dadurch Schwierigkeiten bekomme.“ In Algerien, von wo ihre Eltern 1989, im Jahr ihrer Geburt, auswanderten, bedecken sich viele der weiblichen Verwandten nicht.

Trotz innerer Werte gut gestylt

Mehrere Wörter fallen Selma auf die Frage nach dem Grund für ihre Entscheidung ein: Schutz, Verantwortung, Glauben. „Viele Menschen achten nur auf die äußere Schönheit. Wenn ich das Kopftuch trage, müssen sie auch meine inneren Werte wahrnehmen“, sagt sie. Besonders verheiratete Frauen hätten so die Sicherheit, weder von anderen Männern angemacht zu werden, noch ihren eigenen Partner an eine andere Frau zu verlieren. „Männer gucken nunmal“, hat Selma festgestellt. Im Hörsaal hat ihr aber noch kein Kommilitone Probleme bereitet: „Die Jungs behandeln mich wie alle anderen Mädchen auch.“

Doch der Schleier bringt nicht nur Privilegien mit sich, sondern auch Pflichten. Selma betont: „Man erkennt mich direkt als Muslima, ich repräsentiere einen Teil des Islams.“ In der Vorlesung laut zu quatschen, den Müll auf den Boden zu werfen oder sich in der Mensaschlange vorzudrängeln, kommt für sie nicht in Frage. Und auch wenn ein Bad Hair-Day im Seminar keine Probleme macht, auf ein gepflegtes Auftreten kann Selma hier nicht verzichten: „Wenn ich mich nachlässig anziehe, würde das auch wieder mit meinem Kopftuch in Zusammenhang gebracht.“ Gerne sitzt sie in Jeans und Turnschuhen in der Mensa, zu enge oder kurzärmelige Oberteile gehen dagegen gar nicht. Und auch das Kopftuchbinden will gelernt sein: Im Idealfall sollte es nicht nur alle Haare und den Nacken, sondern auch die Brust bedecken und vor Blicken schützen. „Daran halten sich aber die meisten Frauen nicht“, hat Selma festgestellt. Mit den Freundinnen tauscht sie trotzdem die neuesten Trends in Sachen Wickeltechnik aus.

Nachfragen lohnt sich

Bei alledem will Selma eines aber nicht vergessen: „Ich trage das Kopftuch für Gott. Nicht für meine Eltern oder andere Einflusspersonen, dann könnte ich es auch gleich bleiben lassen“, sagt die Studentin. Der Islam spielt in ihrem Leben eine große Rolle: Jeden Samstag geht sie in die arabische Schule, wo neben Grammatik auch der Koran auf dem Lehrplan steht. Dafür hat sie sogar extra ihre Seminare verlegt. Auch in der Uni engagiert sie sich: Mit der Muslimischen Hochschulgruppe plant sie zum Beispiel eine Islamwoche. „Ich will helfen, die Vorurteile zu beseitigen, die viele über den Islam haben“, sagt sie. Am liebsten ist es ihr, wenn sie Kommilitonen mit ihren Bedenken direkt ansprechen. „Dann sage ich: ,Cool, dass du fragst‘ und erkläre alles gerne.“ Böse Kritik oder Beleidigungen hat sie an der Uni noch nie erleben müssen. „Ich werde höchstens mal ein bisschen komisch angeguckt.“

Auch in Zukunft gut bedeckt

So, hofft sie, wird es auch in Zukunft bleiben. Ihre Perspektive sieht sie in der freien Wirtschaft, vielleicht im Marketing. Dass das Kopftuch ihr dabei im Weg stehen könnte, weiß sie längst. „Ich bete dafür, dass ich es in meinem späteren Job anbehalten darf. Wenn ich es für die Arbeit ausziehen müsste, wäre das zwar keine Sünde, wohl würde ich mich aber trotzdem nicht fühlen“, sagt sie. Einige ihrer Freundinnen mussten schon von ihrem Berufswunsch Lehrerin absehen, weil in Schulen in Baden-Württemberg das Tragen des Tuchs im Unterricht nicht erlaubt ist. „Das finde ich unendlich schade für sie“, sagt Selma.

Denn von einem Vorurteil hat sie wirklich genug: „Das Kopftuch ist für mich kein Mittel der Unterdrückung von Frauen. Wenn es das wäre, würde ich es niemals tragen“, sagt sie und schüttelt entschieden den Kopf. Den Kopf, in dem sie die „Vier P“ des Marketing ebenso abgespeichert hat, wie die vierte Sure des Korans. Der Kopf, der mit seinen täglich wechselnden bunten Bedeckungen Farbe in den tristen Lesesaal der Unibibliothek bringt. Der Kopf, der einmal einer der klügsten auf der Chefetage sein könnte. Ob mit oder ohne Kopftuch.