DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
WER TACHELES TRÄGT
Evangelische Kirche in Deutschland Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Klosterkammer Hannover Evangelische Kirche im NDR
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Mitreden
Gott, Allah und die Frauen: Diskriminierung im Namen des Herrn?
Tacheles im TV
tacheles im radio
Pro & Contra
Können Frauen Kirche leiten?
"Frauen mehr Verantwortung zutrauen" fordert die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages Dr. Ellen Ueberschär. mehr dazu
"Jede und jeder hat eine eigene Berufung" meint der katholische Ordenspriester und Kapuzinermönch Bruder Paulus. mehr dazu

Da ist immer noch männlich und weiblich

Zum Stand der Geschlechtergerechtigkeit in der Evangelischen Kirche

Sie tut, was eine gute Karikatur tun muss. Sie bringt, ein paar Federstriche und zwei Sprechblasen weiter, erst zum Lachen, dann ins Nachdenken. Sie, Typ Else Normalverbraucherin, steht mit erhobenen Händen auf dem Bürgersteigt. Er, Typ Straßenräuber, mit gezückter Pistole ihr gegenüber. Sie: „Überfallen Sie doch Männer, die verdienen besser!“ Er: „Ich lass‘ mir von Frauen nichts sagen!“

Pro Sprechblase ein zentraler Aspekt der gegenwärtigen Verhältnisse zwischen den Geschlechtern: die Realität der ungleichen Verteilung von Ressourcen wie Geld, Macht, Arbeit zwischen den Geschlechtern auf der einen, auf der anderen Seite die offenkundige Kommunikationsstörung zwischen den Geschlechtern, oft jedenfalls spätestens dort, wo die gerechtere Neuverteilung dieser leider begrenzten Ressourcen zur Debatte steht. Und das im Jahr 2010! Weit, bis auf die Grundlagen kirchlichen Geschlechterverständnisses, zurückgreifend: Jahrtausende nach der theologischen Einsicht, dass Gott die Menschen – als Gottes Bild – männlich und weiblich geschaffen hat. Fast 2000 Jahre nach der Überlegung des Paulus, dass, nach der Taufe in Jesus Christus, „männlich und weiblich“ nicht mehr von Bedeutung ist. 35 Jahre nach dem ersten „Jahr der Frau“ der Vereinten Nationen. 15 Jahre nach der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking. Zwei Jahrzehnte nach der weltweiten Ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ und den Beschlüssen der EKD-Synode in Bad Krozingen und der Leipziger Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR über eine geschlechtergerechtere Zukunft der Kirchen.

Manche/r fragt, politisch korrekt nicht allzu laut, ob es angesichts der angespannten Lage in unseren Kirchen, in unserer Gesellschaft und weltweit allemal nicht Wichtigeres zu tun gäbe, als Kraft, Zeit und Geld ausgerechnet für – um den Fauxpas des Altkanzlers noch einmal zu strapazieren – „Frauenfragen und Gedöns“ zu verwenden. Aus Sicht kirchlicher Frauenarbeit wäre zurückzufragen: Ist es, theologisch gesagt, nebensächlich, ob die ChristInnen sich um Geschlechtergerechtigkeit kümmern, wenn doch die durch Ungerechtigkeit gestörte Gemeinschaft zwischen Männern und Frauen das Bild Gottes verdunkelt? Ist es, ethisch gefragt, sekundär, wenn die nach christlichem Verständnis gottgewollte Gleichberechtigung aufgrund gleicher Würde aller Menschen nicht realisiert ist?

Nun mag man/frau gelassen dagegenhalten, dass das Leben auch anderweitig nicht perfekt sei. Was aber nicht überzeugt, wenn stimmt, was die Regierungen der Welt bei der Weltfrauenkonferenz in Peking erkannt und festgehalten haben, dass nämlich „die gleichberechtigte Teilhabe der Frau an den Entscheidungsprozessen (.) nicht einfach nur eine Forderung der Gerechtigkeit oder der Demokratie (ist), sondern (…) ohne die aktive Mitwirkung der Frau und die Einbeziehung einer Frauenperspektive auf allen Entscheidungsebenen (…) die Ziele der Gleichberechtigung, der Entwicklung und des Friedens nicht verwirklicht werden“ können. So gesehen ist es also keineswegs nur „aus Prinzip“, sondern um der Sache willen höchst bedeutsam, regelmäßig nach dem Stand der Gleichstellung zu schauen, nicht zuletzt auch in der Kirche selbst.

Im Bereich der EKD hat sich, zweifelsohne, seit Bad Krozingen und Leipzig viel getan – nicht zuletzt dank der beharrlichen Frauenbildungs- und Lobbyarbeit der verbandlichen evangelischen Frauenarbeit. Hervorzuheben ist zudem die aktive Gleichstellungsarbeit in der EKD und in vielen Landeskirchen als Raum schaffender Beitrag zur Umsetzung der von den Synoden geforderten praktischen Schritte. Umso problematischer ist der seit einigen Jahren deutliche Trend, erprobt effektive Strukturen der Frauen- und Gleichstellungsarbeit zurückzubauen.

Ein deutlicher Fortschritt ist zum Beispiel, dass heute der Pfarrberuf kein Männerberuf mehr ist – ca. 30 Prozent der Gemeindestellen sind mit Pfarrerinnen besetzt. Wobei sich das positive Bild bei genauerem Hinsehen auf die Verteilung von Voll- und Teilzeitstellen zwischen Männern und Frauen durchaus wieder trübt; darauf unter anderem hat die Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Dr. Margot Käßmann, zu Beginn eines Symposiums anlässlich 20 Jahre Synodenbeschlüsse im März 2009 in Hannover hingewiesen. Nur in Klammern sei angemerkt: Der steigende Frauenanteil im Pfarrberuf muss nicht zwingend allein als Erfolg von Gleichstellungsbemühungen gelesen werden – zu überprüfen wäre, ob nicht der für Frauen frei gewordene Platz auch damit zu tun hat, dass das Pfarramt für Männer nach und nach an Attraktivität verliert angesichts des gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes der Kirchen bzw., auch hier und da hinter vorgehaltener Hand zu hören, gerade wegen seiner „Feminisierung“. Und auch aktuell drei gewählte Landesbischöfinnen und sogar eine Ratsvorsitzende der EKD dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass in Leitungspositionen und –gremien, insbesondere auch auf der mittleren Ebene, die von Bad Krozingen angestrebte Frauenquote von 40 Prozent noch in weiter Ferne liegt. Die von Christa Wichterich vorzeiten für die Wirtschaft konstatierte „gläserne Decke“, die Frauen auf dem Weg nach oben aufhält, durchzieht auch die kirchlichen Gebäude.

Ein ähnliches „Ja, aber…“ ist angebracht, schaut man/frau auf die Entwicklung in der Theologie. Einerseits ist da eine enorme Entfaltung der feministischen Theologien, die ihre Spuren in allen theologischen Disziplinen hinterlassen haben. Andererseits: Zwar in Feministische Theologie heute Bestandteil der Curricula an den Theologischen Fakultäten, aber weitgehend nicht im Lehrangebot. Und: Sobald die auch weibliche Rede von Gott, zum Beispiel, sich anmaßt, den umgrenzten Raum von Frauenkontexten zu überschreiten und allgemein Gültigkeit zu beanspruchen, werden die Diskussionen grundsätzlicher – sofern sie überhaupt geführt und zugelassen werden. Der Ton der Auseinandersetzungen um die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache ist nur ein Beispiel für diese Behauptung. Inklusive, Frauen und Männer gleichermaßen benennende Sprache, um ein letztes Beispiel zu benennen, schien vielen Frauen und Männern zwischenzeitlich ein durchgestandenes Thema; ein Blick auf den derzeit geplanten Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München belehrt eines Schlechteren: Um „Christsein“ in allen nur denkbaren Dimensionen wird es bei diesem Großereignis der christliche Kirche in Deutschland gehen – Christinnen selbstverständlich immer mitgemeint.

Was also tun? Nachdem die Frauenbewegung der 70-er Jahre mit ihrem Marsch durch die Institutionen der Gleichstellungsbeauftragten und Frauenministerien an ihre Grenzen stieß, weil sie den Status als Anhängsel der „wichtigen“ Politikbereiche nicht überwinden konnte, entstand der – auch innerhalb der Frauenbewegung durchaus umstrittene – Gedanke, Frauenpolitik als Querschnittsaufgabe in alle Politikbereiche zu implementieren, von der Pekinger Weltfrauenkonferenz als „Gender-Mainstreaming“ benannt. Die Methode verfolgt als Ziel Geschlechtergerechtigkeit: Gleichstellung von Männern und Frauen im Sinne gleicher Chancen, Rechte und Pflichten. Dabei ist Gleichstellung nicht mit der Verallgemeinerung der Lebensentwürfe und -bedingungen von Männern als allgemeine Norm zu verwechseln.

Kaum gesellschaftsfähig geworden, gerät der Ansatz des Gender-Mainstreamings erneut in die Kritik. Managing diversity heißt das seit einigen Jahren immer wieder in die Debatte geworfene Zauberwort. Das Konzept will den gesetzlichen Antidiskriminierungsauftrag positiv wenden und die vorhandene Vielfalt unterschiedlicher Menschen produktiv gestalten. Es nimmt für sich in Anspruch, Konzepte wie Gleichstellung, Antidiskriminierung, Frauenförderung miteinander zu verbinden, die bislang isoliert nebeneinander gestanden hätten. Viele Frauen begegnen Managing Diversity mit Skepsis – jedenfalls dann, wenn es als Alternative zum Gender Mainstreaming angeboten wird. Dabei ist die Tatsache, dass das Konzept dem Bereich profitorientierter Wirtschaft entlehnt ist, allein noch kein Argument. Auch „damit umgehen können“, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind und auch „die“ Frauen und „die“ Männer eine Fiktion, ist unbestritten wichtig. Die Verschiedenheit der Geschlechter und der Frauen und Männer innerhalb ihres Geschlechts wird im feministischen Diskurs zum Differenzfeminismus seit Jahrzehnten berücksichtigt. Zudem ist es eine der Grundlagen gerade verbandlicher Frauenarbeit, Verschiedenheit – zum Beispiel der Lebensformen und –entwürfe, der spirituellen Ausrichtung oder der Begabungen – von Frauen nicht nur zu akzeptieren, sondern als Wert zu schätzen, sind aufgrund eben dieser Expertise im produktiven Umgang mit Vielfalt Frauen und ihre Organisationen geradezu natürliche Bündnispartnerinnen bei der Ausgestaltung einer Kirche oder einer Gesellschaft, in der alle Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion oder sonstiger potentieller Diskriminierungsmerkmale – sich entsprechend ihren Anlagen, Fähigkeiten und persönlichen Lebenszielen entfalten können.

Gleichwohl kann und darf die Begeisterung für Vielfalt und Verschiedenheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in dieser Kirche, in dieser Gesellschaft und weltweit nicht nur wertneutrale Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Große Teile der (per Rollenklischee zugewiesenen) Verschiedenheit sind als Unrecht zu erkennen und benennen – immer da nämlich, wo Frauen oder Männer aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt sind. Gender Mainstreaming hält das Werkzeug dafür bereit, solche Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zu analysieren und Änderung herbeizuführen: durch gezielte Förderung von Mädchen und Frauen, um ihnen Zugang zu mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Berufen zu verschaffen; durch gesetzliche Vorgaben, um für Frauen den gleichen Anteil an Leitungspositionen zu gewährleisten; durch Förderung von Jungen und Männern, damit sie ihre Befähigung zu bislang weiblich konnotierten Tätigkeiten wie Pflege von Angehörigen und Haushaltsführung entdecken und entfalten können; durch gesetzliche Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt für Frauen und Männer; durch gender budgeting nicht zuletzt.

„Ich lass mir von Frauen nichts sagen!“ Die eingangs so nett karikierte Kommunikation zwischen den Geschlechtern – die umgekehrte Variante ist mitgemeint – wird durch den Hinweis auf diversity allein nicht besser werden. Vielmehr braucht es, mehr als bisher, Orte, Räume und vor allem eine Kultur der Auseinandersetzung, des Streitens um und für die je eigene Sichtweise. Das wäre kein Umweg oder gar Irrweg. Es ist der einzige, zugegeben beschwerliche, Weg zu einem neuen, gerechten Miteinander von Frauen und Männern – auch in der Kirche. Das, was man/frau dann mit Fug und Recht Gemeinschaft nennen könnte.

Von Margot Papenheim (Verbandsreferentin der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. und Redakteurin der Arbeitshilfe zum Weitergeben).
Dieser Text ist zuerst erschienen in "Forum Erwachsenenbildung" 4-2009, hg. von der Deutschen Ev. Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung.