DER MODERATOR
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Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen. - im Interview
Aktuelle Sendung
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Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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- mehr dazu
- mitreden
Tacheles-Wettbewerbe Junge Medien
- Tacheles-Netzfilmwettbewerb: Gewinner steht fest
- Tacheles-Kunstpreis: Internationale Kunst in der Marktkirche
- Tacheles-Jugendmedienwettbewerb: Leben in zwei Welten
Junge Medien
- Zwischen Versöhnung und Entfremdung: Wie vereint ist Deutschland? Sendung vom 15.4.2012
- Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken? Sendung vom 26.2.2012
- Streit um den Sozialstaat: Ist sich jeder selbst der Nächste? Sendung vom 06.11.2011
- Sehnsucht nach Sinn: Wie viel Kirche braucht das Land? Sendung vom 16.10.2011
- Der Papst und Luthers Erben: Einig im Glauben oder für immer getrennt? Sendung vom 18.9.2011
- Die neue Welt des Internets: Ist nicht Privates mehr heilig? Sendung vom 19.6.2011
- Zwischen Angst und Verantwortung: Wird Deutschland zum Anti-Atom-Staat? Sendung vom 22.05.2011
- Gentest am Embryo: Wird der Mensch zum Schöpfer? Sendung vom 17.04.2011
- Furcht vor Anschlägen: Mit dem Islam gegen den Terror? Sendung vom 06.02.2011
- Islam in Deutschland: Friedensreligion oder Kultur der Gewalt? Sendung vom 17.10.2010
Rückschau
Mitreden
Angst vor Anschlägen: Mit dem Islam gegen den Terror?
- Die Angst vor dem Terror ist international verbreitet. Die Täter der jüngsten Anschläge verstehen sich als islamische Gotteskrieger. Dagegen geißeln friedliebende Muslime den Terror als einen tragischen Missbrauch ihres Glaubens. Inwieweit sind Religionen Brandsätze des Hasses? Wie lässt sich dem Terror begegnen? Was meinen Sie? mitreden
tacheles im radio
- Wie vereint ist Deutschland?
- Schwere Entscheidung Organspende
- Ist sich jeder selbst der Nächste?
- Wie viel Kirche braucht das Land?
- Einig im Glauben oder für immer getrennt?
Pro & Contra
Mit aller Härte gegen den Terror?
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PRO: "Wir brauchen eine nationale Anti-Terror-Strategie"
meint der niedrsächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU). >mehr dazu
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CONTRA: "Muslime nicht unter Generalverdacht stellen"
mahnt der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber. >mehr dazu
- mitreden
Deutschland in Furcht vor dem Terror
„Die Muslime sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“
Am roten Tisch wurde Tacheles geredet.
Die Angst vor Terroranschlägen hat Deutschland erreicht. Während sich islamistische Extremisten als Gotteskrieger verstehen, geißeln friedliebende Muslime den Terror als einen tragischen Missbrauch ihres Glaubens. Inwieweit sind Religionen Brandsätze des Hasses? Wie lässt sich dem Terror begegnen? Darüber diskutierten der Braunschweiger Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, der niedersächsische Innenminister, Uwe Schünemann (CDU), und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, bei Tacheles in der hannoverschen Marktkirche mit Fernsehpastor Jan Dieckmann.
Will konsequent gegen Gefährder vorgehen: Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann.
Herr Minister Schünemann, Sie haben einen Aktionsplan gegen den Terror gefordert, zum Beispiel „verstärkte Polizeipräsenz in islamisch geprägten Stadtvierteln, um ein klares Signal gegen religiöse Clanstrukturen und Regelsysteme zu setzen". Wie genau soll das aussehen?
Uwe Schünemann: Wenn sich wie in Berlin und anderen Großstädten religiöse Gemeinschaften abschotten und Parallelgesellschaften entstehen, wächst damit der Nährboden für Radikalisierung. Darum akzeptieren wir so etwas nicht – man kann alles daran setzen, präventiv die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern, und auf der anderen Seite hören wir von Muslimen selbst, die in solchen Vierteln leben, dass sie die Präsenz des Staates vermissen. Und dass sie sich selbst als gefährdet sehen und vermissen, dass die Polizei Streife geht und Präsenz zeigt. Sicherheit ist nicht teilbar. Wir wollen ein Zeichen setzen, dass man sich hier integrieren muss, und dass wir Parallelgesellschaften nicht akzeptieren.
Aiman Mazyek: Die meisten Muslime in diesem Land sind integriert. Der Bundesinnenminister selbst bestätigt, dass dies 85 Prozent sind, wenn nicht mehr. Da stellt sich die Problematik nicht, dass wir einen großen Anteil von Parallelgesellschaften haben. Die Muslime fühlen sich in der Tat gefährdet, nur hat Herr Schünemann das, glaube ich, falsch verstanden. Sie fühlen sich insofern gefährdet, dass auf ihre Moscheen Anschläge verübt werden. Allein in Berlin hatten wir 13 Anschläge nacheinander. In zahlreichen Städten wurden Moscheen mit Hakenkreuzen beschmiert. Davor haben Muslime Angst, und da erbitten wir die Hilfe und Präsenz der Polizei.
Das Signal aber, dass sich die Polizei verstärkt im muslimischen Milieu, was auch immer das sein mag, Streife fahren soll, war fatal, weil es den Generalverdacht gegen Muslime erhärtet, nach dem Motto: Muslime sind pauschal ein Problem, da müssen wir die Polizei hinschicken. So kommen wir da nicht weiter.
Sie sprechen sich für ein hartes Vorgehen aus: Handy- und Computerverbot für Gefährder, Verbot des Kontakts zu Moscheegemeinden – Ihre Forderungen gingen ja noch weiter.
Schünemann: Insofern unterstreiche ich, was Sie gesagt haben, die große Mehrheit der Muslime ist friedlich und integriert. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir 2500 Salafisten in Deutschland haben, die eben die Religion pervertiert haben. Und wir haben über 130 Gefährder in unserem Land, und über die habe ich gesprochen. Gerade wenn wir gegen diese nicht konsequent vorgehen und alles daran setzen, dass sie nicht aus dem Ausland gesteuert werden und Anschläge verüben, dann schüren wir übrigens Muslimfeindlichkeit. Wir müssen die im Blick behalten, die islamistisch-terroristische Ziele verfolgen, und die muslimischen Gemeinden auffordern, hier zu helfen, Hinweise zu geben. Denn wenn erst ein Anschlag passiert, haben wir noch mehr Muslimfeindlichkeit.
Avi Primor: Wir dürfen eines nicht vergessen. Wen bringen muslimische Selbstmordattentäter meistens um? Die meisten ihrer Opfer sind Muslime. Das vergessen wir immer. Wir sagen immer, das sind die Muslime gegen uns.
In Israel leben die Menschen Tag für Tag mit der Terrorgefahr und wie der Staat darauf reagiert. Wie haben Sie dies erlebt?
Friedrich Weber: Ich bin oft in Israel gewesen und habe Polizei und Militär in unterschiedlicher Präsenz gesehen. Und ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der man sich an so etwas gewöhnt. Das ist ein Trauerspiel, wenn man sich in Israel bewegt. In jedem Winkel sind Bewaffnete, die – mit gutem Grund wahrscheinlich – Präsenz zeigen. Mir ist vor Augen, wie jüngere Soldaten auf der Stadtmauer von Jerusalem saßen, mit dem Knüppel in der Hand, und junge Araber sahen das. Es war ein Wechselspiel, da schwang der Knüppel, und unten waren die anderen. Und sie sagten, wir sind die potentiellen Opfer für diesen Knüppel. Und dass sich da Aggressionen aufstaute, das kann man schon verstehen. Insofern geht es darum, den Hass zu verflüssigen und nicht zu verstärken. Eine große Zeitung schrieb jüngst, nicht alle Muslime sind Terroristen. Aber die meisten Terroristen sind muslimischen Glaubens. Dieser Satz ist gefährlich, wenn er als Titelsatz in einer großen Zeitung steht, weil er Misstrauen sät.
Mazyek: Weil er falsch ist. Man kann auch sagen, nicht alle Fußballfans sind Hooligans, aber alle Hooligans usw. Das sind gefährliche Beispiele, damit kommen wir nicht weiter. Nach zehn Jahren Anti-Terror-Strategie müssen wir mal darüber nachdenken, ob wir nicht bereit sind, einen Strategiewechsel vorzunehmen: Weil die Mehrheit der Muslime gläubig ist und mit Terror und Extremismus nichts zu haben will, lasst uns mit den Muslimen gegen Terror und Extremismus vorgehen. Unsere Signale in der Vergangenheit waren nicht nur Wort, sondern auch Handeln. Gerade als im November Terrorwarnungen kamen, haben wir unsere Imame angewiesen zu verbreiten: Das Eintreten für unsere demokratische, freiheitliche Grundordnung ist eine Bürger- und eine Muslimpflicht. Das war Inhalt unserer Freitagspredigten in den Moscheen. Wir haben kaum Resonanz auf diese Aktion in der Öffentlichkeit und von der Politik erfahren. Nicht die Muslime sind das Problem, sondern sie sind Teil der Lösung. Also lasst uns zusammenarbeiten! Und lasst uns solche Aktionen durch Öffentlichkeit flankieren. Aber ich habe kaum Resonanz darauf bekommen.
Schünemann: Zu der Überschrift, die Bischof Weber zitiert hat, richtiger wäre es zu sagen: Jeder Terrorist ist Salafist, aber nicht jeder Salafist ist Terrorist. Diejenigen, die extrem sind und Gewalt anwenden, haben den Islam pervertiert, und sie leben das auch. Und wir brauchen sehr viel mehr Integration, und dafür brauchen wir die Muslime selber. Ich bin sehr froh, dass in Niedersachsen Avni Altiner, der Vorsitzende der Schura, des Dachverbandes der muslimischen Vereine, auf den Präsidenten des Verfassungsschutzes zugegangen ist, und gefragt hat, was können wir gemeinsam tun. Daraus ist die Idee geboren, dass wir eine Arbeitsgruppe Antiradikalisierung einsetzen, an der alle gesellschaftlichen Gruppen mitwirken. Die friedliebenden Muslime brauchen mehr Integration, aber gegen die islamistischen Terroristen hilft nur konsequente Sicherheitspolitik.
Mazyek: Seit fünf Jahren gibt es bereits eine Arbeitsgruppe auf Bundesebene mit dem Verfassungsschutz, mit dem Bundeskriminalamt, dem Zentralrat der Muslime und der Ditib. Auch Ihre Kollegen sind dabei, ich hoffe, Sie haben Ihnen darüber berichtet, Herr Schünemann.
Wenn junge Männer, äußerlich gut integriert, wie aus dem Nichts heraus zu Gotteskriegern werden – wie ist das zu erklären?
Weber: Wir kennen das auch von jungen Männern in anderen Kontexten, dass ihre Biografien auseinanderbrechen. Es könnte eine Rolle spielen, dass Familie und Gesellschaft nicht mehr getragen haben und ein religiöses System an dessen Stelle tritt. Und wenn das ein radikales System mit fundamentalistischen Zügen ist, dann verleiht das neue Sicherheit. Man bekommt eine neue Heimat, wenn man die alte nicht gefunden hat. Vielleicht empfinden Menschen darin eine neue Mission, wenn man sonst gescheitert ist. Dazu bedarf es, und das ist die Gefährdung, in der wir leben, anderer Menschen, die diese Ideen entwickeln. Die Frage ist also, wo werden sie vermittelt, wo werden sie geboren? Und da frage ich die Moscheegemeinden, mit der wir, die Kirchen, sehr viel zusammenarbeiten, wieso gelingt es nicht, Prediger, die Hass predigen, deutlicher zu identifizieren?
Schünemann: Solche plötzlichen Brüche haben wir bei den Sauerland-Attentätern genauso erlebt: Da waren etwa zwei der Täter völlig integriert, und plötzlich haben sie ein Problem mit der Scheidung ihrer Eltern oder andere familiären Brüche sind da. Und wenn sie dann über das Internet oder über Hassprediger erreicht werden, sind sie dafür sehr offen – wie es bei diesen Attentätern im Ulmer Multikulturhaus geschehen ist.
Mazyek: Sehr umstrittenes Beispiel. Gerade das Ulmer Milieu war durchsetzt von Agenten und Verfassungsschützern. Bischof Weber fragt ja, warum es uns nicht gelänge, Extremisten wieder einzufangen. Wir haben ja gehört, dass es über hundert Gefährder gebe. Wir reden hier nicht von Hunderrtausenden, sondern von einer verschwindend geringen Zahl.
Schünemann: Weit über tausend gehören zur extremistisch-terroristischen Szene. Sie können nicht sagen, dass das nur eine kleine Zahl ist.
Mazyek: Ich will das auch nicht kleiner machen. Botschafter Primor hat zu Recht daraufhingewiesen – bei vier Millionen müssen wir tausend auch im Verhältnis zur Gesamtheit sehen. Die Moscheegemeinden machen seit Jahren aktiv durch Wort und Tat ihre Position deutlich. Zum Teil gelingt es uns deshalb nicht, Extremisten wieder einzufangen, weil sie wissen, in dieser Gemeinde finden sie kein Gehör. Und während ihres biografischen Bruches, wenn sie Krisen erleben, haben sie kein Vertrauen, sich an die Gemeinde zu wenden, dem Imam anzuvertrauen. Ich sage Ihnen auch den Grund. Wir haben eine so hitzige und verquere Diskussion über den Terror, weil die Politik versäumt hat klarzumachen, dass sie mit den muslimischen Organisationen, mit den Moscheen zusammen im Kampf gegen Extremismus und Terrorismus vorgehen will.
Schünemann: Das ist falsch.
Weber: Wir bedauern als Menschen anderer Glaubensgemeinschaften, dass die Begegnungen noch nicht so intensiv sind, wie sie sein sollten. Auch Sprachprobleme spielen dabei eine Rolle, gerade bei den Imamen herrscht eine große Kulturfremdheit vor. Auch dadurch, dass sie vielfach nur begrenzte Zeit bei uns sind. Es gibt viele Versuche – wenn beispielsweise junge Leute aus der Moscheegemeinde eine Kirche besucht, und umgekehrt genau das Gleiche. Aber was fehlt, sind ganz normale nachbarschaftliche Beziehungen. Am Arbeitsplatz funktioniert es meist noch, gelegentlich in Sportvereinen, aber auch nach 30 Jahren Einwanderung ist die Normalität der Beziehungen nach wie vor nicht eingetreten.
Mazyek: Das gilt für die erste Generation, nicht für die dritte und vierte. Wir haben ungelernte Kräfte als Gastarbeiter hergeholt. Sie haben ihren Buckel krummgemacht, sie haben sich ihre Lungen verdreckt, weil sie unter Tage das schwarze Gold geborgen haben und zum Wohl dieser Gesellschaft beigetragen haben. Aber sie haben in der Zwischenzeit kaum Deutsch gelernt. Jetzt sollten wir sie nicht doppelt bestrafen. Die ersten Einwanderer sind vielfach in ihrer Parallelwelt hängengeblieben. Aber für die weiteren Generationen gilt das nicht, sie sind integriert, sie sind aktiv im Sport.
Im Internet bei www.tacheles.tv fordern Nutzer, dass sich Muslime von Koransuren, die beispielsweise dazu aufrufen, andere zu köpfen, distanzieren sollten.
Mazyek: Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das Vorlesen einzelner Koransuren, aus dem Zusammenhang gerissen, einen nicht zum Koranexperten macht. Ich empfehle, nur mal einen Blick ins Alte oder Neue Testament der Bibel zu werfen, darin finden sich viele gewalttätige Verse, ohne dass ich daraus den Schluss ziehen, die Kreuzzüge damals wären direkt aus der Bibel abgeleitet, oder Bürgerkriegsaktivisten in Nordirland oder in Bosnien-Herzegowina. Diese Schlussfolgerung mache ich nicht, sondern trenne, was das Christentum sagt und die Mehrheit der Christen lebt, und das, was Menschen, ob sie nun Christen, Juden oder Muslime sind, daraus möglicherweise pervertiert herausdestillieren. Das lehne ich entschieden ab.
Der Apostel Paulus sagt, legt die Rüstung Gottes an, damit ihr den Kampf bestehen könnt. Und im Alten Testament heißt es sogar Dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen.
Weber: Wobei das Paulus-Wort mit der Rüstung Gottes nicht militärische Gewalt meint, sondern die dem Menschen zugewandte Liebe Gottes. Wir christlichen Theologen haben, wenn wir Texte des Neuen oder Alten Testaments interpretieren, eine gewisse Distanz. Weil wir wissen, dass sie auch zeitgeschichtliche Zeugnisse sind, die ihren zeitgeschichtlichen Horizont haben und zugleich Gottes Willen ausdrücken. Aber wir haben auch, das ist eine Errungenschaft abendländischer Theologie, die Methoden der historischen Kritik, mit denen wir fragen, was ist denn mit diesen Versen. Damit muss ich nicht nur auf den Zusammenhang verweisen, sondern kann auch sagen, dass es Bibelstellen gibt, die nicht so sind, dass wir unser demokratisches Leben danach ausrichten können.
Gibt es im Islam ein mangelndes Verständnis dafür, sich den heiligen Schriften auch kritisch zu nähern, sie vielleicht auch in ihrem zeitgeschichtlichen Horizont zu sehen?
Primor: Das würde ich nicht sagen. Sie können jeden Satz aus dem Zusammenhang reißen, auch einen Satz aus der Bibel. Sie finden darin alles, wenn Sie gezielt suchen. Wenn Sie an der Wange eines Menschen eine Wunde sehen, und nur diese Wunde betrachten und nicht den ganzen Menschen, dann können Sie sagen, der Mensch ist eine Wunde. Aber eine solche Betrachtung ist nicht wohlwollend, um das mal mit Untertreibung zu sagen.
Schünemann: Wir haben im Christentum die Aufklärung erlebt. Im evangelischen Konfirmandenunterricht werden Texte hinterfragt und diskutiert. Da werden Texte nicht einfach nur vorgelesen. Das ist in den allermeisten Moscheegemeinden völlig anders. Da predigt der Imam die Religion, und das wird akzeptiert. Das ist schon ein großer Unterschied. Da bin ich froh, dass es Ansätze gibt, dass Moscheegemeinden den Dialog mit den Christen suchen. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass wir in Deutschland Imame ausbilden. Das versuchen wir gerade, in Osnabrück auf den Weg zu bringen. Da gibt es Ansätze, aber es ist noch längst nicht so weit wie bei uns im Christentum.
Mazyek: Ich habe doch hier die A....karte und kann jetzt nur noch das Gegenteil beweisen, oder das steht dann so. Sie versetzen mich mit dieser Frage in einer sehr unangenehme Situation. Ich kann nur von meiner Biografie her antworten. Ich bin nicht so sozialisiert, dass ich alles mit Ja und Amen annehme. Ich bin so erzogen von meinem islamischen Elternhaus und meiner Moscheegemeinde, dass ich sehr wohl frage und hinterfrage, und dass ich ein freier Mensch bin, der ohne Zwang an diese Texte herangeht und dann zu der Schlussfolgerung komme, dass der Koran heiliges Buch ist, offenbartes Buch von Gott. Und natürlich muss ich mich den einzelnen Texten mit einer Methodik zuwenden, das gehört zum Geschäft der Koran-Exegese. Und das tun ja die meisten nicht, viele Muslime ebenso nicht. Und da gibt es eine große Wissenschaft, die sich über viele Jahrhunderte weiterentwickelt hat. Darin ist eine Dynamik, die hier verkannt wird. Ich stimme Herrn Schünemann zu, wenn wir Ausbildungsmöglichkeiten hier finden, dass wir hier diese Methodik hier einmal kennenlernen. Wir tun ja so, als würde es das alles nicht geben. Wir haben das. Beispielsweise, dass wir zu dem eben genannten Vers den Kontext hinterfragen, dass wir die Situation analysieren und dann zu Schlussfolgerungen kommen. Das machen die meisten Gelehrten, gerade was die Verse angeht, die mit Kriegssituationen zu tun haben und eben nur in diesem Kontext zu gelten haben und nicht allgemein. Wir sind bei Ihnen, wenn Sie sagen, es gibt Extremisten, die das pauschalisieren. Das ist die Minderheit innerhalb des Islam.
Harte Rhythmen, blutrünstige Texte – besonders in großstädtischen Brennpunktvierteln kursiert eine Musik, die Gotteskrieger und Terror besingt. Sind die Sicherheitsbehörden gegenüber dieser neuen Art von Musik, gegenüber diesem Terror-Rap noch ahnungslos?
Schünemann: Wir nehmen das nicht nur wahr, sondern auch sehr ernst. Es gibt unfängliche Prävention im Kampf gegen den Rechtsextremismus, aber gegenüber dem islamistischen Extremismus gibt es dies noch kaum. Wir sitzen jetzt an einem Tisch, mit den Ministerien, mit den Präventionsräten, und denken darüber nach, wie kommen wir an die Jugendlichen heran, damit sie von dieser Musik und von dieser Gewaltverherrlichung wegkommen. Da ist eine Palette von Maßnahmen notwendig. Wenn Sie bei Google Islam eingeben, dann erhalten Sie größtenteils extremistische Seiten. Deshalb ist es notwendig, dass wir gegensteuern, dass wir den friedliebenden Islam darstellen. Dass wir direkt in die Schulen und Aufklärung betreiben. Dass wir zeigen, dass Terrorcamps nicht irgendeine Form von Abenteuer bieten, sondern auf das Töten vorbereiten. Wir sind da erst am Anfang. Und dies ist eine Aufgabe, bei der wir mit den Muslimen, mit den christlichen Kirchen alles daran setzen müssen, um Jugendliche aus diesem Sog herauszuholen. Da sind wir am Anfang, das gebe ich zu.
In den einschlägigen Videos sind vielfach Symbole aus dem Nahen Osten zu sehen, Palästinensertücher, Libanonflaggen - was hat der Zugang zum Islamismus mit dem Nahostkonflikt zu tun?
Primor: Es hat damit zu tun. Aber der Nahostkonflikt ist nicht die ausschließliche Ursache. Der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak in den 80er Jahren hatte mit dem Nahostkonflikt nichts zu tun, oder der Krieg der Ägypter im Jemen. Und jahrelang hat sich die Propaganda der Al-Quaida mit dem Nahostkonflikt überhaupt nicht beschäftigt. Wenn dieser Konflikt gelöst wäre, wäre dies eine Erleichterung. Gerade in Europa verfolgen die Muslime arabischer Abstammung den Nahostkonflikt sehr genau, und dies ist eine emotionale Frage, eine Frage der Würde für sie.
Die Attentäter des 11. September suchten sich New York aus, weil sie in der US-Metropole die "Hauptstadt des Weltjudentums" sahen. Wie viel Antisemitismus steckt im radikalen Islam?
Weber: Im radikalen Islam springt einen der Antisemitismus an und begegnet einem allerorten. Der Antisemitismus ist der Schlüssel gewesen bis hin zur Androhung, das Volk Israel zu vernichten. Wir müssen die Muslime in den Blick bekommen, denen antisemitische Hetze fremd und widerwärtig ist. Die sind in den Moscheegemeinden und in unserer Nachbarschaft präsent, Menschen guten Willens. Was wir brauchen, sind Koalitionen in der Nachbarschaft. Bischof Tutu sprach mal von der Allianz unter dem Regenbogen. Da fragt man nicht mehr nach der Religion, nach der politischen Zugehörigkeit, sondern fragt danach, wie hältst du es mit der Menschenwürde? Wie hältst du es mit deinen Kindern und mit deinem Partner? Wie engagierst du dich für den Frieden, die Gesellschaft, die Schöpfung? Und da gibt es große Schnittmengen zwischen Christen, Juden und Muslimen.
Es gibt übrigens ein wunderbares Projekt, die Aktion "Weißt du wer ich bin?" Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Zentralrat der Juden, der Zentralrat der Muslime und die Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) haben sie gemeinsam veranstaltet. Sie geht in die zweite Runde und schließt Menschen guten Willens zusammen. Davon brauchen wir mehr.
Herr Primor, Sie haben einen faszinierenden Gedanken entwickelt und haben einen Weltmarshallplan gefordert. Was schwebt Ihnen vor?
Primor: Es gibt die muslimische Minderheit in den westlichen Ländern, und da geht es um Integration. Sobald alle verstehen werden, dass ein Deutscher Protestant, Katholik, Jude oder eben Muslim sein kann und gleichermaßen Deutscher ist, weil er zu diesem Land dazugehört, hat sich das Problem gelöst. Aber in der islamischen Welt gibt es ein anderes Problem. Die Bevölkerungen in der islamischen Welt sind größtenteils frustriert. Die Ursachen liegen in der Kolonialzeit und noch älteren Konflikten, und weil sie oft im Elend leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation gleichermaßen gefährlich, die Menschen lebten im Elend und waren hoffnungslos. Und der Marshallplan hat den Leuten Hoffnung geben – nicht sofort die Probleme gelöst, aber Hoffnung für die Zukunft vermittelt. Und wenn wir Hoffnung haben, folgen wir nicht mehr falschen Propheten. Die Amerikaner haben damals vier Jahre lang jeweils 1,2 Prozent ihres Bruttosozialprodukts investiert und damit sich selber gerettet. Wenn die reichen Länder heute nur ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts der Dritten Welt geben würden, würde man den Massen in der Dritten Welt Hoffnung geben.
Das ist eine große Vision – was kann der Einzelne tun, um die Gefahr von Terror zu verringern?
Mazyek: Wenn man die Religionen daraufhin betrachtet, wie sie zu anderen Religionen stehen, ob das Juden, Christen oder Muslime sind, dann werden Sie erkennen, dass Sie zahlreiche Hinweise darauf finden, mit dem jeweils anderen in Frieden zusammen zu leben. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch im Nahen Osten die Versöhnung zwischen Juden und Muslimen möglich ist. Aber wir müssen anfangen damit, unsere Religion nicht ständig zu politisieren. Der Nahostkonflikt ist ein politischer und kein religiöser Konflikt, und er kann nur politisch gelöst werden. Ich stütze Avi Primors Marshallplan und finde ihn sehr ehrgeizig. Ich wäre ja schon froh, wenn wir in den westlichen Ländern gegenüber der islamischen Welt mal hinterfragen würden, wie wir es wirklich mit den Menschenrechten halten, mit Demokratie und Freiheit. Wir sehen ja das Beispiel Tunesien. 23 Jahre lang konnte der Diktator Ben-Ali herrschen, und wir haben immer weggeguckt, weil er als Bollwerk gegen die Islamisten galt. Was haben wir geopfert dafür? Eben diese Menschenrechte, eben diese Freiheit, eben diese Demokratie, und da möchte ich mehr Ehrlichkeit. Der Islamismus darf nicht als Steigbügelhalter missbraucht werden, um darüber unsere Werte zu opfern.
Primor: Man hat einen Ben-Ali unterstützt, weil man gewisse Erfahrungen hatte, etwa mit dem Schah. Erinnern wir uns daran, wie viele Demonstrationen es überall in Europa gegen den Schah gab. Und dann war man zufrieden, als eine Revolution im Iran ausbrach, um dann zu sehen, was mit den Menschenrechten geschah. Nun ist man vorsichtig geworden. Was ist schlimmer, ein Polizeistaat wie unter Ben-Ali oder der Islamismus?
Mazyek: 23 Jahre hat ein Volk gelitten und keine Freiheit gehabt. Und jetzt explodiert das Pulverfass, und das Volk will weder einen politische Ideologie noch Islamisten, sondern Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.
Was kann jeder Einzelne tun, um gegen die Terrorgefahr anzugehen?
Weber: Was einen hilflos macht, sind die großen Pläne. Ich finde die Überlegung eines Weltmarshallplans faszinierend, die Idee, die Armut als Gärmasse für Terror und Gewalt zu bekämpfen. Dagegen wird zu wenig getan. 0,3 bis 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts der reichen Länder fließt in die armen Länder, das ist schon eine Anfechtung. Man muss mehr auf die kleinen Erfolge blicken. Sie haben, Herr Primor, in der Frankfurter Rundschau davon berichtet, wie Israelis und Palästinenser gemeinsam versuchten, die Mauer zu überwinden. Mein Appell ist, lassen wir uns die kleinen Erfolge betrachten und das in unseren Nachbarschaften leben, da gelingt unendlich viel.
Schünemann: Ein Marshallplan ist notwendig. Aber ich glaube nicht, dass man damit den islamistischen Extremismus bekämpfen kann. Sie könnten in Afghanistan noch so viele Projekte haben. Doch wer hinter Anschlägen steckt, sind meist nicht diejenigen, die im Elend leben, sondern die das Elend ausnutzen. Wir haben auch in Deutschland gesehen, dass auch familiäre Brüche radikalisieren können. Deshalb, wenn wir das auf Deutschland herunter brechen, ist ganz wichtig, dass wir den Dialog zwischen den Religionen suchen. Das ist für mich ganz entscheidend. Aber auch, dass es eine Zusammenarbeit zwischen der Polizei und den Moscheegemeinden gibt, um dem Extremismus Einhalt zu gebieten.
Dokumentation: Thomas Hestermann














