DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
WER TACHELES TRÄGT
Evangelische Kirche in Deutschland Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Klosterkammer Hannover Evangelische Kirche im NDR
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Mitreden
Einwanderung und Arbeitsmarkt: Fremd im eigenen Land?
Tacheles im TV
tacheles im radio
Pro & Contra
Einwanderung und Arbeitsmarkt: Ein Erfolgsmodell?
Pro: "Wir sitzen alle im selben Boot" meint Bischof Frank July von der evangelischen Landeskirche in Württemberg. > mehr dazu
Contra: "Wir laden zu viele mit begrenzten Fähigkeiten ein" entgegnet Prof. Gunnar Heinsohn, Soziologe und Ökonom. > mehr dazu

STREIT ÜBER INTEGRATION

"Wir wissen zu wenig voneinander“

Prof. Wolfgang Reinbold, Islamexperte

Herr Prof. Reinbold, in der Debatte wurde deutlich: Den einen Islam gibt es nicht, sondern vielfältige Strömungen in dieser Weltreligion, vor allem Schiiten, Sunniten und Aleviten. Wie stark unterscheiden sich diese verschiedenen Gruppen von Muslimen in Sachen Integration?

Reinbold: Die Deutsche Islam-Konferenz hat im letzten Jahr eine große Studie zum „Muslimischen Leben in Deutschland“ publiziert. Sie zeigt, dass die Unterschiede zwischen den Gruppen zum Teil sehr groß sind. Eklatant sind sie im Blick auf die Bildung: Während von den Aleviten nur 27 Prozent eine hohe Schulbildung haben und 24 Prozent gar keinen Abschluss, haben von den Schiiten 56 Prozent eine hohe Schulbildung und nur neun Prozent gar keinen Schulabschluss.

Das zeigt, wie irreführend es ist, wenn wir in der Debatte pauschal von „den Muslimen“ sprechen. Tatsächlich gibt es unter „den Muslimen“ sowohl die höchstgebildete Gruppe, die es in Deutschland überhaupt gibt – die Quote der Schiiten mit hoher Schulbildung liegt 14 Prozent über der Quote der Mehrheitsgesellschaft! – als auch die am schlechtesten gebildete – die Zahl der Aleviten, die keinen Abschluss haben, ist mehr als dreimal so hoch wie in der Mehrheitsgesellschaft. All diese Zahlen haben sehr viel mit der Lage in den Herkunftsländern zu tun und mit den damit verbundenen Einwanderungsgründen.

Umstritten war am roten Tisch, welche Rolle die Religion überhaupt bei der Integration spielt.

Reinbold: Die Religionsgemeinschaften in Deutschland tun sehr viel für die Integration der Zugewanderten. Man schaue sich nur einmal eine typische jüdische Gemeinde an. In vielen jüdischen Gemeinden liegt der Prozentsatz der Migranten bei 90 Prozent und mehr. Sie finden in der Gemeinde in der Regel alles, was es braucht, um hier heimisch zu werden: Sprachkurse, Beratung aller Art und ein Wir-Gefühl, das ihnen hilft, den Kultur-Schock zu verarbeiten.

Ähnliches gilt für viele muslimische Gemeinden. Auch sie bieten oft das ganze Programm von Sprachkursen über Hausaufgabenbetreuung und dergleichen.

Allerdings ist ihr Ausgangspunkt ein anderer als der der jüdischen Gemeinden. In den jüdischen Gemeinden sind die Migranten in der Regel gut ausgebildete Leute, unter ihnen viele Akademiker. In den muslimischen Gemeinden ist diese Gruppe unterrepräsentiert. Auch das hat mit den Einwanderungsgründen zu tun: Es sind eben die einstigen „Gastarbeiter“ und ihre Kinder, um die es geht. Viele von ihnen haben noch bis vor Kurzem gedacht, dass sie bald in die alte Heimat zurückgehen – ebenso wie es die deutsche Politik gedacht hat. Man erinnere sich nur daran, dass man früher Sprachkurse in der Herkunftssprache angeboten hat, weil man sicherstellen wollte, dass die Gastarbeiter und ihre Kinder sich nach der Rückkehr in die alte Heimat wieder gut „integrieren“ können! Das zeigt, wie sehr sich die Lage verändert hat in den letzten Jahren.

Bischof July wies darauf hin, dass es in Deutschland in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nur eine verschwindend kleine Minderheit von Muslimen gegeben habe. Wie weit war Deutschland damals entfernt von der multireligiösen Gegenwart?

Reinbold: Die Lage war in der Tat eine völlig andere als heute. Es gab in Deutschland seinerzeit nur zwei große Religionsgemeinschaften: die Christen und eine Minderheit von gut einer halben Million Juden. Lediglich unter den Kriegsgefangenen gab es einige wenige Muslime. Für sie hatte man im sogenannten „Halbmondlager“ bei Wünsdorf südlich von Berlin eine provisorische Moschee errichtet. Die erste Moschee aus Stein entstand Ende der zwanziger Jahre in Berlin-Wilmersdorf. Sie war allerdings keine sunnitische Moschee, sondern die Moschee einer kleinen Splittergruppe.

Wir wissen noch zu wenig über den Islam, hieß es in der Runde.

Reinbold: So ist es in der Tat. Immer noch wissen Christen und Muslime viel zu wenig voneinander. Immer noch gibt es auf beiden Seiten viele Vorurteile, viel Missachtung und manchmal sogar Verachtung. Wir sollten daher alles fördern, was dem Miteinander und dem gegenseitigen Kennenlernen dient. Christliche Theologiestudenten sollten im Studium etwas über den Islam lernen. Angehende Imame sollten eine solide Grundinformation über das Christentum erhalten. Und, ganz wichtig: Wir brauchen Orte und Gelegenheiten, wo Otto-Normal-Christ und Ali-Normal-Muslim miteinander ins Gespräch kommen.

Glücklicherweise setzt sich diese Einsicht auf beiden Seiten mehr und mehr durch. Immer mehr Moscheen laden auch Nichtmuslime zum Fastenbrechen ein. Immer mehr Kirchengemeinden denken an die Nachbar-Moscheen, wenn sie das Gemeindefest planen oder den Erntedankgottesdienst oder eines der großen christlichen Feste. Auch die Zahl der interreligiösen Veranstaltungen, Initiativen und Vereine steigt. In Hannover beispielsweise gibt es seit acht Jahren das „Forum zur Begegnung von Christen und Muslimen“. Es gibt das „Haus der Religionen“ und viele andere Orte, an denen sich Christen und Muslime regelmäßig treffen. Wir sollten alles dafür tun, dass diese Orte wachsen und gedeihen können. In ihnen entsteht das, was wir am dringendsten brauchen: Vertrauen.

Was vielen bislang unbekannt war: auch Martin Luther hat sich schon mit dem Islam beschäftigt. Wie offen war der Reformator gegenüber den Muslimen?

Reinbold: Luther hat sich in den letzten Jahren seines Lebens intensiv mit dem Islam auseinandergesetzt. In den Grundzügen kannte er den Koran aus der lateinischen „Widerlegung des Koran“ des Dominikanermönches Ricoldus, die er oft gelesen hatte. Allerdings wusste er anfangs nicht recht, was er von dieser Schrift halten sollte. Im Februar 1542 las er dann den Koran erstmals in der lateinischen Übersetzung Robert von Kettons.

In der Folge dieses Leseeindrucks gab Luther eine Reihe von Büchern heraus, die sich mit dem Islam befassten. Er edierte die „Widerlegung des Koran“ des Ricoldus und übersetzte sie ins Deutsche. Zugleich setzte er sich dafür ein, dass der Koran als Buch erschien. In einem Brief an den Rat der Stadt Basel ermutigte er die Ratsherren, den Druck des „Alcoran“ durch Theodor Bibliander zu gestatten. Er selbst schrieb ein Vorwort zu dieser ersten gedruckten Koran-Ausgabe.

All das war neu und für viele ungeheuerlich. Luthers Gegner verspotteten ihn prompt als „Türkenfreund“. In der Sache freilich blieb Luther der mittelalterlichen Linie treu: Der Koran war für ihn ein durch und durch ketzerisches Buch. Die Chance, die Reformation nicht nur zur Reformation der Kirche, sondern auch zur Reformation des Verhältnisses zu den nichtchristlichen Religionen zu nutzen, diese Chance haben Luther und seine Mitstreiter nicht ergriffen. An diesem Punkt sind Christen und Muslime erst vor wenigen Jahrzehnten weitergekommen, weg von der gegenseitigen Verketzerung, hin zur gegenseitigen Achtung.