DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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Pro & Contra
Geld, Gier und Gerechtigkeit - muss sich der Finanzmarkt grundlegend erneuern?
Pro: Bischof Wolfgang Huber, EKD-Rats-vorsitzender „Verantwortungsloses Handeln milliardenschwerer Akteure an den Finanzmärkten hat entscheidend zu der weltweiten Wirtschaftskrise beigetragen. Es verbittert viele, dass auch erfolglose Spitzenmanager millionenschwere Abfindungen erhalten.“ > mehr dazu
Contra: Frank Niehage, Vorstandschef der Bank Sarasin „Für eine Rundumkritik an der Finanzwirtschaft besteht kein Anlass. Hohe Renditen stehen nicht per se für hohes Risiko. Und was hohe Managergehälter angeht: Verzicht muss man schon den Betroffenen überlassen.“ > mehr dazu

Das islamische Bankwesen

Zinslos glücklich

Finanzieren mit dem Islam Foto: David Haberlah

Es klingt wie ein innovativer Lösungsvorschlag zur Finanzkrise aus dem Wirtschaftsministerium: Man geht zur Bank und möchte einen Kredit für den Hausbau. Die Bank jedoch bietet keinen Geldkredit, sondern wird an Gewinnen wie auch an Verlusten beteiligt, vorausgesetzt, der Hauskäufer ist kreditwürdig – zinslos und mit Moral. Ein Scharia-Komitee entscheidet dann, ob und wie viel die Bank investiert, abhängig vom islamischen Recht. So sieht es das islamische Bankwesen vor.

Striktes Geldzinsverbot

Islamisch zu finanzieren heißt unter anderem: Geldzinsen sind strikt verboten. Geld stellt nur ein Tauschmittel gegen Sachwerte dar, nicht aber ein Tauschmittel zur Gewinnbereicherung. Denn der Islam befürwortet zwar wirtschaftliche Aktivität ausdrücklich, jedoch nur mit realen Werten. Ein Handel mit Schulden und Schrottpapieren ist ausgeschlossen. Hätte man sich an die islamischen Vorgaben gehalten, wäre der Hypothekenmarkt in Amerika nie derart implodiert, meint der Direktor des Institute for Islamic Banking and Finance in Frankfurt am Main, Zaid el-Mogadeddi.

Der islamische Finanzexperte: Zaid el-Mogadeddi

„Wer Zins einnimmt, verdient am Faktor Zeit. Die Zeit aber gehört Gott“, begründet el-Mogadeddi gegenüber Tacheles online das strikte Geldzinsverbot (riba).  Ein Wirtschaftssystem was nur auf der Zinssystematik beruht, werde am Ende nicht erfolgreich sein, denn es bereichere eine  Minderheit auf Kosten der Mehrheit.  Die Christen hingegen hätten sich der normativen Kraft des Faktischen unterworfen, beklagt el-Mogadeddi die Aufgabe des kirchlichen Zinsverbots.

Nach der Scharia ist der Handel mit Pornographie, Alkohol, Schweinefleisch, Rüstungsgütern und Bank- und Versicherungsaktien verboten. Schenkt eine Fluggesellschaft Alkohol aus, kann ihr die Finanzierung verweigert werden. Gleiches gilt, wenn Unternehmen hoch verschuldet sind. Denn Schulden sind im Islam nicht vertretbar. „Man bekommt kein Totengebet, bevor die Schulden nicht bezahlt sind“, sagt Michael Saleh Gassner, im Zentralrat der Muslime zuständig für die Zertifizierung islamischer Finanzprodukte, in einem Interview mit der FAZ.

Daher fällt den islamischen Bankern die Kritik an der derzeitigen weltweiten Finanzkrise leicht: „Jeder von uns hat einen Kompass, und die meisten von denen, die in den Banktürmen etwas verzockt haben, wussten im Prinzip: Das ist nicht in Ordnung“, sagt el-Mogadeddi Dass man es trotzdem gemacht habe, zeige Mängel im Hinblick auf Regularien, Wertorientierung und soziale Verantwortung auf“, ist er überzeugt.

In Großbritannien kann man islamisch finazieren - in Deutschland nicht

Keine islamische Bank in Deutschland

In Deutschland gibt es bislang keine islamische Bank – anders als in Großbritannien. 2004 ermöglichte Premier Gordon Brown das islamische Bankwesen durch steuerrechtliche Änderungen, so dass sich mittlerweile fünf Institute auf islamisches Bankwesen spezialisieren. Hier sind Muslime weniger gut organisiert und haben keine nachhaltige Nachfrage erzeugt, bedauert el-Mogadeddi: „Die Zusammenarbeit mit den großen islamischen Verbänden ist in diesem Punkt mehr als schwierig.“

Die deutschen Banken bieten zwar Beratungen auf Türkisch an, sperren sich aber dem islamischen Markt. Nur die Commerzbank startete im Jahr 2000 einen Versuch. Der scheiterte aber fünf Jahre später. Ein wesentlicher Grund, so el-Mogaddedi: die Commerzbank habe kein optimales Marketing in der relevanten Zielgruppe betrieben. Zudem waren die in Deutschland lebenden Muslime zuvor geprellt worden. Sie hatten viel Geld in das damals angeblich islamisch-konforme Konya-Beteiligungsmodell investiert. Das stellte sich jedoch als kriminelles Schneeballsystem heraus.

Auch islamische Banken sind vor Fehlinvestitionen nicht sicher, sagt el-Mogadeddi. Sie seien jedoch bei Anwendung der islamischen Anlagevorgaben äußerst verlässlich, ähnlich wie christliches Investment . „Als Muslime sind wir der Überzeugung, dass Gottes Gebote die besten sind – in jedem Bereich, also auch in der Wirtschaft.“

mo / th