DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
WER TACHELES TRÄGT
Evangelische Kirche in Deutschland Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Klosterkammer Hannover Evangelische Kirche im NDR
Medienpartner
Mitreden
Wirtschaftswachstum als Leitgröße: Ist immer mehr immer besser?
tacheles im radio
Pro & Contra
Schüren Medien Islamfeindlichkeit?
PRO: "Fatale Lust am Tabubruch" kritisiert der Autor Kay Sokolowsky in seiner Kolumne für Tacheles online und in seinem Buch "Feindbild Moslem". > mehr dazu
CONTRA: "Medien müssen zuspitzen" entgegnet der Bischof Gerhard Ulrich von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
> mehr dazu

Religionsklischees in den Medien

Von muslimischen Schlägern und christlichem Missbrauch

Religion, Medien und Klischees: Streit am roten Tisch.

Schüren Medien mit ihrer Berichterstattung Islamfeindlichkeit? Wie fair ist die Berichterstattung über die Kirchen etwa in der aktuellen Missbrauchsdebatte? Darüber stritten der nordelbische evangelische Bischof Gerhard Ulrich, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der Welt-Herausgeber Thomas Schmid, der Autor Kay Sokolowsky („Feindbild Moslem“) und die deutsch-türkische Schauspielerin Nursel Köse (aktuell zu sehen im Kinofilm „Die Fremde“).

Wie gefährlich ist der Islam, fragt der Stern. Ein „Mekka Deutschland“ prophezeit der Spiegel. In der Tageszeitung Die Welt ist die Rede von "muslimischen Schlägern". Sind solche Schlagzeilen Ausdruck eines Feindbildes Moslem?

Kay Sokolowsky: Ja, genau damit zeigt sich islamfeindliche Berichterstattung. Zu viele Journalisten suchen die Pauschalisierung, und damit beginnt rassistische Hetze - ohne dass das unbedingt gewollt ist. Es gibt durchaus kritische Berichterstattung, die das Klischee vermeidet. Aber Menschen herabzuwürdigen wegen eines pauschalen Vorurteils gegen eine bestimmte kulturelle oder religiöse Tradition, das ist Rassismus.

Thomas Schmid: Wenn ich unsere Zeitung, die Welt, und andere liberale und konservative Blätter betrachte, sehe ich ein neues Interesse daran, den Islam zu verstehen. Es gibt keinen Streit mehr darüber, dass Integration und Koexistenz verschiedener Kulturen notwendig sind und dass man viel dafür tun muss. Dafür steht auch der - zugegeben späte - Versuch, mit der Islamkonferenz einen Weg der Verständigung zu suchen. Hetze betreiben nur ein paar Gruppen am Rand.
 

Von muslimischen Schlägern und christlichem Missbrauch (Zusammenfassung) Berichten Medien islamfeindlich? War die Berichterstattung zum Missbrauch in der katholischen Kirche eine Medienkampagne? Welche Schuld tragen die Religionsgemeinschaften selber an der Kritik? Darüber stritten der nordelbische Bischof Gerhard Ulrich, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, Welt-Herausgeber Thomas Schmid und andere bei Tacheles – Talk am roten Tisch.
Die Schlagzeile "Muslimische Schläger" schüre Angst, meint Bischof Gerhard Ulrich.

Wenn die Welt von "muslimischen Schlägern" schreibt - wäre auch denkbar, von "christlichen Schlägern" zu berichten?

Gerhard Ulrich: Diese Schlagzeile ist deutlich über die Kante. Hier wird ein Klischee bedient und wird Angst geschürt. Zu fragen ist, mit welchem Ziel berichtet wird - geht es darum, die Auseinandersetzung zu fördern und das Wissen über einander zu mehren? Geht es um einen Begriff von Integration, der nicht nur meint, du bist herzlich willkommen, wenn du so wirst, wie wir sind? Oder geht es darum, sich Ängste nutzbar zu machen?

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verweigerte sich der Islamkonferenz, weil dort nicht über die verbreitete Islamfeindlichkeit diskutiert würde. Steht das Wort von den muslimischen Schlägern für diese beklagte Islamfeindlichkeit?

Cem Özdemir: Es gibt keine systematisch islamfeindliche Berichterstattung, das würde ja bedeuten, dass man in den Redaktionen zusammensitzt und Kampagnen gegen den Islam plant. Die Berichterstattung hat oft auch mit Mangel an Kenntnis, Nachdenken und Empathie zu tun. Man sollte sich dabei immer fragen, wie ginge es mir, wenn meine Religion oder meine Herkunft so dargestellt würde wie der Islam. Was die Islamkonferenz angeht - es ist schade, dass Innenminister de Maziere nicht die Begeisterung für den Dialog zeigt wie sein Vorgänger Schäuble. Das geschieht ja in der Politik nicht so häufig, dass jemand etwas unternimmt, obwohl er weiß, das bringt ihm kurzfristig nichts. Die CDU gewinnt nicht sofort Wähler dadurch, dass ihr Innenminister zur Islamkonferenz einlädt. Aber es ist für Deutschland wichtig, dass wir einen organisierten Dialog mit den muslimischen Organisationen und den Menschen, die dabei wichtig sind, über Religionsunterricht, Medien etc. führen, worüber die auch mit den Kirchen beraten wird. Bei de Maziere fehlt die Begeisterung für das Thema, das merkt man in der Umsetzung.

Berichten Medien islamkritisch? (Online-Echo bei Tacheles) Im Tacheles-Forum beschwert sich ein Nutzer über die „Jubelberichterstattung über Großmoscheen“ und verschwiegene Kriminalität. Ein Zuschauer, der sich zum Islam bekennt, widerspricht: Die Medien berichten islamfeindlich. Ein Nutzer kritisiert, viele Muslime seien nicht selbstkritisch. Lena Högemann stellt vor, was das Publikum auf www. Tacheles. tv bewegt.
Innenministier de Maziere fehle die Begeisterung für den Islam, meint Cem Özdemir.

Mangelnde Empathie - was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Schmid: Ich wäre in der Tat gegen so eine Schlagzeile von den muslimischen Schlägern. Sie hat vermutlich aber mit Empathie wenig zu tun, und schließen Sie nicht von einer Schlagzeile auf die ganze Zeitung. Wir haben die Islamkoferenz oder die Debatte über die Duisburger Großmoschee breit entfaltet. Der Gedanke, dass etwas, das nicht bodenständig aus Deutschland stammt, hier integriert werden muss, hat sich in der Medienwelt breit durchgesetzt.

Sokolowsky: Was heißt nicht bodenständig? Zahlreiche Muslime sind in Deutschland geboren! Bodenständiger geht es doch gar nicht! Die muslimische Tradition ist hierzulande zwar nicht so alt wie die christliche, aber der Islam ist seit 40 Jahren in Deutschland angekommen, behandeln wir die Gläubigen dieser Religion nicht immer noch wie Exoten!

Sie haben in dem preisgekrönten Film "Die Fremde" mitgespielt, in dem es um Ehre, islamische Tradition und um Gewalt geht. Ist dieser Film islamfeindlich?

Nursel Köse: Es hängt davon ab, wie wir diesen Film betrachten. Vor 20 Jahren hätte man ihn als Kulturkritik empfunden, heute wird er eher als Religionskritik wahrgenommen. Es geht im Kern um verschiedene Kulturen und Sitten - auch wenn die Hauptdarstellerin ein Kopftuch trägt. 

Sokolowsky: Der Film ist nicht islamfeindlich, sondern zeigt eine patriarchalische Kultur, die sich verheerend auswirkt, aber es ist nicht die Rede von dem Glauben, der dahinter stehen könnte.

Schmid: Es gibt unter in Deutschland lebenden Ausländern die Tendenz, sich in ihrer Herkunftskultur einzuschließen, was mit unseren mühsamen erkämpften Normen der Republik nicht in Einklang steht. Das muss man offen diskutieren.

Was in der deutschen Mehrheitsgesellschaft als Familiendrama gilt, wird in einer türkischen Familie eher als Ehrenmord wahrgenommen. Wird in den Medien mit zweierlei Maß gemessen?

Özdemir: Spanien ist eines der Länder mit der höchsten Zahl an innerfamiliärer Gewalt und Gewalt gegen Frauen. Ich habe noch in keiner Zeitung vom katholischen Gewaltproblem gelesen. Wenn man über Menschen aus dem christlichen Kulturkreis spricht, ist die Identität aus vielen Facetten zusammengesetzt, Bildung, soziale Schicht, Geschlecht, zu welchem Fußballverein man steht - alles ist Teil der Persönlichkeit. Und dann ist da möglicherweise noch die Religion. Wenn man über Menschen, die nicht Hans oder oder Berta, sondern Cem oder Köse heißen, ist die Person darauf reduziert, ob sie Muslim ist oder nicht. Wer Muslim ist, gilt per se als infiziert von diesem Virus, der irgendwann dazu führen kann, dass man seine Frau umbringt oder seine Tochter zwangsverheiratet. Auf dem Niveau sollten wir nicht argumentieren.

Ulrich: Dem schließe ich mich, und den Islam gibt es so wenig wie das Christentum. Und dahinter stecken nicht nur Kulturen und Geschichten von Ländern, sondern Menschen. Menschen, die fühlen, die Sorgen und Sehnsüchte haben. Klischees bilden die Wirklichkeit oberflächlich ab, und wir blicken selten darunter, um Menschen ganz zu entdecken.

Mama, sind wir schlechte Muslime? Cem Özdemir erzählt bei Phoenix aus seiner Schulzeit Cem Özdemir erzählt aus seiner Schulzeit: Seine Religionslehrerin kritisiert, dass er als Moslem noch nie in Mekka war. „Mama, sind wir schlechte Muslime?", fragt er seine Mutter. Cem Özdemir diskutiert bei der Talkshow Tacheles auf Phoenix über den Islam in den Medien.
Kay Sokolowsky kritisiert die Medienberichterstattung zum 11. September 2001

Sokolowsky: Eine sehr feindselige Kritik am Islam macht sich fest an den Anschlägen des 11. September 2001. Da haben die Medien, hier muss man wirklich von den Medien in ihrer Gesamtheit sprechen, in der muslimischen Welt nach Begründungen dafür gesucht, warum junge Männer in Flugzeuge stiegen, um Tausende von Menschen umzubringen. 'Das hat sich besser verkauft, als wenn man danach gefragt hätte, warum die Mehrheit der Muslime Terror ablehnt. So bildet sich ein verheerendes Bild des Islam.

Schmid: Einspruch. Es gab keinen aufputschenden Journalismus, der verbreitet hätte, am 11. September habe der Islam zugeschlagen. Andererseits muss schon gefragt werden, woher kommt es, dass viele Attentäter derzeit unter dem Signum des Islam handeln? Es gibt deutlich weniger christlich motivierte Terroristen.

Sokolowsky: Wissen Sie, wie viele Akte islamistischen Terrors es im Jahre 2008 laut Europol gab? Keinen einzigen! Habe ich das in Ihrer Zeitung auf Seite eins gelesen?

Schmid: Natürlich haben wir das berichtet, das ist doch billig. 

Sokolowsky: Nein, das ist nicht billig, denn wenn wir das Bild des gefährlichen Islam entzerren wollen, gehören solche Fakten an prominenter Stelle dazu.

Schmid: Sie werden doch wohl nicht leugnen können, dass die Anschläge am 11. September mit Tätern zu tun haben, die aus dem islamischen Kulturkreis kommen. Denken Sie an die Anschläge von Islamisten auf Züge in Madrid 2004, an die Rucksackbomber in London 2005, an jüngst vereitelte Anschläge. Da können Sie doch nicht sagen, das gibt es nicht!

Der iranischstämmige Intellektuelle Navid Kermani geht nicht mehr als muslimischer Vertreter in Talkshows, Feridun Zaimoglu will nicht mehr als muslimischer Schriftsteller gesehen werden - fehlt es an öffentlichen Vorbildern?

Özdemir: Kermani und Zaimoglu verstehen sich als Schriftsteller und wollen nicht permanent im Fernsehen den Islam erklären. Niemand wird als Vertreter einer Weltreligion geboren, man übernimmt gewöhnlich die Religion der Eltern. Das geht mir genauso, ich will nicht immer den Islam erklären, dazu verstehe ich zu wenig davon. 

Ich will Ihnen eine kurze Geschichte erzählen. Weil es in meiner Schule keinen islamischen Religionsunterricht gab, haben mich meine Eltern in den christlichen Religionsunterricht geschickt. Meine Mutter meinte, die glauben an einen Gott, geh da ruhig hin. Ich durfte mir die Konfession aussuchen und bin in den evangelischen Religionsunterricht gegangen, weil mir die Lehrerin sympathischer war. Erste Stunde, die Lehrerin holt mich nach vorne an die Tafel, weil sie einen muslimischen Jungen im Unterricht hat und möchte, dass ich den Kindern den Islam erkläre. Ich habe erzählt, meine Mutter betet vorm Einschlafen mit mir und sagt, man soll anständig sein, darf nicht klauen und soll alten Leuten über die Straße helfen.
Da hat die evangelische Lehrerin erwidert, das ist schlimm, du kennst ja deine Religion gar nicht. Und hat mir erzählt, ich müsste nach Mekka, ich müsste fasten und ein Schaf schächten. Da habe ich meiner Mutter erzählt, meine Lehrerin sagt, wir sind schlechte Muslime, weil wir noch nie in Mekka waren. Und meine Mutter hat mir geantwortet, morgen sagst du deiner Lehrerin, wir sind die Muslime, und wir leben unsere Religion so, wie wir das für richtig halten. Wenn wir dem alle folgen könnten, die anderen so zu lassen, wie sie sind, auf dem Boden der gemeinsamen Verfassung, dann hätten wir einen großartigen Fahrplan, um miteinander zurecht zu kommen.

Die Kultur der Gewalt – Nursel Köse über ihre Rolle im Kinofilm „Die Fremde“ Umay – gespielt von Sibel Kekilli – flieht vor ihrem brutalen Ehemann zu ihrer Familie nach Deutschland. Doch ihr Vater hat kein Mitleid: die Tochter sei eine Schande. Um Familienehre und mörderische Gewalt geht es in dem Kinofilm „Die Fremde“. Der Ehrenmord habe nichts mit dem Islam zu tun, meint die Schauspielerin Nursel Köse in der Talkshow Tacheles. Es gehe vielmehr um eine Kultur der Gewalt.
Nursel Köse: "Die Angst war immer da, nur hat sie heute einen neuen Namen".

Köse: Es gibt genug Vorbilder, aber die Öffentlichkeit interessiert sich wenig für sie. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts dienen religiöse Konflikte als Ersatz. Ich habe zehn Jahre lange Kabarett gemacht, beispielsweise über die Angst vor dem türkischen Nachbarn. Die Angst war immer da, nur hat sie heute einen neuen Namen. 

Reden wir mal über Medienklischees gegenüber der Christenheit. Im Augenblick kann man den Eindruck gewinnen, es gebe für junge Menschen keinen gefährlicheren Ort als die katholische Kirche. Der Spiegel titelt "Die Scheinheiligen": die katholische Kirche und der Sex.

Schmid:
Dass der Geistliche sich auf diesem Bild in den Schritt greift, ist nicht anständig. Dennoch ist das durch unsere Pressefreiheit gedeckt, und Medien spitzen eben gern zu. Aber so, wie wir den Islam nicht auf eine Tendenz einengen dürfen, wäre es falsch, die katholische Kirche auf Kindesmissbrauch zu reduzieren. Gleichwohl ist der Missbrauch grauenhaft und wirft ein schlechtes Licht auf der Verhältnis der katholischen Kirche zur Moderne, zu ihrer Pädagogik und ihrem Umgang mit Sexualität. Aber ich halte für eine problematische These zu behaupten, der Missbrauch habe seinen Grund im Zölibat.

Ulrich:
Ich würde so ein Titelblatt nicht auswählen. Aber die Kritik ist notwendig. Kritik ist ja nicht von vornherein zerstörend oder stellt den anderen in Frage, Kritik fördert die Freiheit. Es ist wichtig, dass wir den Spiegel vorgehalten bekommen. Deshalb ist die Reaktion, hier habe es eine Medienkampagne gegeben, emotional verständlich, aber trotzdem völlig falsch. Da verwechselt man Ursache und Wirkung. Wir müssen uns die Kritik der Medien gefallen lassen. Verkehrt ist nur, was der Spiegel-Titel und andere Schlagzeilen suggeriert haben, einen Menschen oder eine Organisation zu reduzieren auf einzelne Taten oder Ereignisse. Medien können nicht bis ins Letzte differenzieren, es ist mehr eine Frage an uns, wie wir mit Kritik umgehen und ob wir bereit sind, uns in Frage zu stellen.

Sokolowsky:
Ich sehe einen fundamentalen Unterschied zwischen der islamfeindlichen Berichterstattung der Kritik an der katholischen Kirche. Selbst der Spiegel-Titel richtet sich nicht gegen alle Katholiken, der katholische, gläubige Laie wird nicht verhöhnt. Es geht gegen die Würdenträger. Ich bin fasziniert, wie Sie, Herr Schmid, bei diesem Titel differenzieren, nachdem Sie eben noch gesagt haben, es könne kein Zufall sein, dass die Terroristen des 11. September aus islamischen Ländern kommen.

Schmid: Ich habe nur darauf hingewiesen, und das halte ich nach wie vor für legitim, dass es einige terroristische Anschläge gegeben hat, deren Täter Muslime waren und die zu vielen Toten geführt haben. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Und ebenso ist zu fragen, wie es kommen kann, dass Missbrauch in der katholischen Kirche geschehen konnte. 

Ulrich: Es gibt hier eine Realität, die beklagenswert und verdammenswert ist, und die in die Öffentlichkeit gehört. Menschen in dieser Institution haben sich falsch verhalten. Und ob die katholische Kirche selber Ursache dafür ist, dass der Missbrauch geschehen konnte, da wäre ich sehr vorsichtig.

"Die katholische Kirche hat auf klassische Weise reagiert", meint Thomas Schmid.

Schmid: Sie müssen als evangelischer Bischof bei der Bruderkirche eher vorsichtig sein, dann will ich es sagen. Es ist ein Riesenproblem, dass die katholische Kirche, als diese Fälle aufkamen und immer mehr bekannt wurden, auf die klassische Weise reagiert, nämlich nur dann etwas zuzugeben, wenn es gar nicht mehr anders ging. Es hat sehr lange gedauert, bevor die hohen Würdenträger ein Wort dazu fanden, ich fand es sehr bedauerlich, dass der Papst etwa zu Ostern kein Wort dazu gefunden hat. Es gab eine riesige Verunsicherung unter den katholischen Gläubigen, auf die hätten die Würdenträger zugehen müssen, das war ein schweres Versäumnis. 

Özdemir: Ich teile das. Die Strategie zu hoffen, dass das irgendwie an einem vorbeigeht, hat sich nicht bewährt, im Gegenteil. Ein anderer Umgang wäre sinnvoll gewesen. Wo gegen Gesetze verstoßen wird, ist der Gesetzgeber zweifellos gefordert. Da ist mir egal, welche Religion. Aber die Frage des Zölibats ist nicht meine Frage, die müssen Katholiken in ihrer Kirche diskutieren. Übertragen gilt das auch für andere Religionen. Die Grenze ist überschritten, wenn Grundrechte nicht akzeptiert werden. Jeder, also auch jede Religion, muss auf dem Boden unserer Verfassung stehen. Da sind das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das sind übrigens Normen, die wir selbst weiter entwickelt haben, dass wir Kinder nicht schlagen dürfen, müssen alle akzeptieren. Keiner kann sich auf irgendeine Religion berufen, um dagegen zu verstoßen. Aber wie jemand seine Religion der Zeit anpasst, ist zu trennen von der Politik, das ist in den Religionsgemeinschaften zu entscheiden. So wie über den Zölibat innerhalb der katholischen Kirche gestritten wird, wird auch im Islam darüber gestritten, Frauen zu Imamen zu machen. Darf man den Koran als heiliges Wort Allahs am jeweiligen Ort mit dem heutigen Wissen interpretieren? Sie kennen das als historisch-kritische Exegese versus Verbalinspiration. In der evangelischen Kirche hat sich die Lesart durchgesetzt, dass man die Bibel zeitgemäß interpretieren darf. Im Islam gibt es genau dieselbe Debatte. Wir müssen denjenigen, die sie führen, Raum geben und dürfen sie nicht denunzieren.

Als die Trunkenheitsfahrt der damaligen Ratsvorsitzenden Margot Käßmann bekannt wurde, titelte der Berliner Kurier „Lalleluja", und der Express fragte: „Welcher Teufel hat sie geritten?" Hat Sie das als Bischofskollege von Margot Käßmann verletzt?

Ulrich: Verletzt wäre zu viel, aber ich habe mich über die Zuspitzung gewundert und geärgert. Aber damit müssen wir lernen umzugehen. Je mehr Person und Amt in einem gesehen werden und nach außen treten, desto stärker haben wir mit den positiven, aber auch mit den negativen Wirkungen zu tun. Insgesamt aber war die Berichterstattung ausgewogen, und die Art und Weise, wie Margot Käßmann sich in dieser Phase selber in den Medien dargestellt hat, hat sie eher gestärkt als geschwächt. Das hatte Vorbildcharakter weit über unsere Kirche hinaus.

Gibt es im Journalismus auch eine Lust, der Institution Kirche eins auszuwischen?

Schmid: Das gibt es sicher. Es gibt die Tendenz, aus der Tradition der Aufklärung heraus die Kirche sehr skeptisch als einen Hort der Unaufgeklärtheit und Finsternis zu betrachten. Die Kirche wird vielfach mit dem Mittelalter gleichgesetzt. Die spöttische Haltung gegenüber den Kirchen, die den Islam genau so trifft, ist weit verbreitet. Was Frau Käßmann angeht, gab es in einigen Berichten und Kommentaren schon eine Portion Häme. Seht, der Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, die moralisch wegweisend sein will, passiert so etwas. Da schwang Schadenfreude und Häme mit, das war kein Ruhmesblatt.

Sie haben ja selber vor Jahren eine Imagekrise durchlebt, Sie sind damals in die USA gegangen. Wie fühlt man sich, wenn man persönlich Thema negativer Schlagzeilen ist?


Özdemir: Es gibt ein schönes türkisches Sprichwort: Wer ins Bad geht, schwitzt. Und wer freiwillig ins Bad geht, hilft es nichts, wenn man sich danach darüber beschwert, dass es heiß ist. Ich bin freiwillig in die Politik gegangen, Sie sprechen auf die Meilenflüge an, klar, ich musste dafür die Verantwortung übernehmen. Da gilt das alte Wort, richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Mit dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. So spricht Jesus Christus.

Der evangelische Religionsunterricht ist nicht ganz spurlos an Ihnen vorbei gegangen!

Özdemir: Ich war der einzige, der zugehört hat! Meine christlichen Mitschüler haben nicht so aufgepasst.

Klischees können ja durchaus auch Spaß machen, wie in der ARD-Reihe "Türkisch für Anfänger". 

Ulrich: Die finde ich sehr gelungen. Und wichtig ist doch, was wir damit machen, ob ich mich traue, unter die Oberfläche von Klischees zu blicken. Wir tun gut daran, mit einer kritischen, aber auch wohlwollenden Distanz auf uns selbst zu schauen. 

Özdemir:
Ich finde sehr gut, dass wir uns auch selber den Spiegel vorhalten und über Klischees zu reden. In einigen so genannten muslimischen Ländern ist übrigens die Berichterstattung über das Christentum oder erst das Judentum, vorsichtig formuliert, katastrophal. Dass wir zunehmend türkischstämmige Kabarettisten Erfolg haben und in alle Richtungen austeilen, freut mich. Und dass gerade, wenn der eine lacht, weil die Deutschen einen verpasst bekommen, kriegt er selber etwas ab. Das ist nicht typisch deutsch, da haben uns die Briten mit Monty Python einiges voraus, aber es kommt langsam nach Deutschland, und das tut uns gut.

Sie haben ja schon 1992 das Kabarett "Die Bodenkosmetikerinnen" gegründet - Integration durch Lachen?


Köse: Vor 20 Jahren kämpften wir gegen Klischees und Vorurteile: Egal, wie gebildet wir türkische Einwanderinnen waren, hat man uns immer für Putzfrauen gehalten. Und das haben wir dann auf der Bühne zum Beruf gemacht.

Ulrich: Die Medien können wir nicht dafür verantwortlich machen, dass wir so wenig von einander wissen. Wenn wir uns auf die Suche machen, werden wir zwischen Christentum und Islam viele Gemeinsamkeiten finden, die Feindesliebe, die Nächstenliebe. Wir könnten einen wunderbaren Pakt gegen Krieg und Terror schließen. Dafür brauchen wir den vorbehaltlosen Dialog, die Islamkonferenz ist ein Beispiel. 

Moderation: Jan Dieckmann
Dokumentation: Thomas Hestermann