DER MODERATOR
Fernsehpastor Jan Dieckmann moderiert Tacheles. Er spricht im Interview über die Integration, bewegende Momente bei Tacheles und der Frage nach welchen Werten wir leben wollen.
Aktuelle Sendung
Wirtschaft und Werte: Kann denn Wachstum Sünde sein?
Marktkirche:
19.6.2012, 19 Uhr
Phoenix:
24.6.2012 13.00 Uhr
24.6.2012 00.00 Uhr
MIT:
> Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, Ehemals Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
> Mario Ohoven,
Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
> Jutta Sundermann,
Attac Deutschland
> Prof. Dr. Utz Claassen,
Unternehmer
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Muslime und die EU: Reicht Europa bis nach Anatolien?
Tacheles im TV
tacheles im radio
Pro & Contra
Überwiegen noch die Vorbehalte gegen einen EU-Beitritt der Türkei?
PRO: "Die aktive Religionsfreiheit ist die Schlüsselfrage" meint der EKD-Auslandsbischof Martin Schindehütte. > mehr dazu
CONTRA: "Wer die Türken ausschließt, riskiert ein seelisches Gewitter", entgegnet der Unternehmer und ehemalige Europaparlamentarier Vural Öger. > mehr dazu

Türkei und EU

Reicht Europa bis nach Anatolien?

Diskussion am roten Tisch: Ist die Türkei reif für die EU?

Die Türkei drängt in die Europäische Union (EU). Könnte die Türkei Europas Brückenkopf in die islamische Welt werden? Oder würde ihr Beitritt den inneren Zusammenhalt der EU zerreißen? Darüber diskutierten mit Fernsehpastor und Tacheles-Moderator Jan Dieckmann der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, die bayerische Europaministerin Emilia Müller (CSU), der Unternehmer und ehemalige Europaparlamentarier Vural Öger (SPD) und die Sprecherin der „Deukischen Generation“, junger Deutschtürken, die Studentin Aylin Selcuk.

Bayerns Europaministerin Emilia Müller meint, die Türkei entferne sich von Europa.

Wie weit ist die moderne Türkei entfernt von religiöser Toleranz?

Emilia Müller: Da ist großer Nachholbedarf. Das zeigen die Vorkommnisse bis hin zum Mord an Bischof Cesare Pavese im Sommer dieses Jahres, das zeigt auch der Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission.

Vural Öger: In der osmanischen Zeit gab es eine große Religionsfreiheit. Nach der Gründung der türkischen Republik entstand nach westlichem Vorbild ein Nationalstaat. Und das hieß, ein Volk, eine Staatsdoktrin, und eine Religion - in diesem Fall der Islam. In diesem Übergangsprozess wurden die christlichen Minderheiten sehr vernachlässigt. Es war jahrzehntelang verboten, neue Kirchen zu eröffnen. Aber gerade im Rahmen der Verhandlungen mit der Europäischen Union hat sich in der Türkei ein enormer Reformschub ereignet.  Mittlerweile werden christliche Kirchen eröffnet, ein Priesterseminar ist kurz vor der Eröffnung.

Martin Schindehütte: Es ist unübersehbar, dass sich die Türkei fortentwickelt. Aber der Weg ist noch länger. Innerhalb von hundert Jahren hat sich der christliche Anteil der Bevölkerung in der Türkei von 20 Prozent auf 0,2 Prozent reduziert. Die Zukunft dieser Menschen ist systematisch untergraben worden. Jetzt gibt es Hinweise dafür, dass es neue Spielräume für Christen geben könnte. So gibt es ein neues Stiftungsgesetz, das Kirchen möglicherweise einen Rechtsstatus einräumen wird. Möglicherweise. Und die Ankündigung, dass das Priesterseminar in Chalki wieder eröffnet wird, haben wir schon öfter gehört. Aber es sind Hinweise auf3 einen Weg, der die Türkei nach Europa führen muss.

In Deutschland können sich Menschen verschiedener Religionen frei bewegen - was sagen Sie dazu, dass sich Christen in der Türkei an den Rand gedrängt sehen.

Aylin Selcuk: Da könnten Sie mich auch fragen, ob ich für das Gute oder das Schlechte bin. Natürlich müssen Christen die gleichen Rechte haben wie Muslime. Aber so eine Wandlung geschieht nicht von heute auf morgen. Wir müssen diesen Prozess gemeinsam angehen. Europa muss Vorbild sein und der Türkei dabei helfen.

Müller: Die Europäische Kommission hat gemeinsam mit der Türkei viele Fortschritte erzielt. Bei den Fortschrittsberichten sieht man auch, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber die Türkei hat einen enormen Nachholbedarf, was die Meinungsfreiheit anbelangt,  die Religionsfreiheit, die Pressefreiheit und die Umsetzung von Recht. Da hat sich die Türkei nicht in Richtung Europa bewegt, sondern sich von Europa entfernt.

Selcuk: Aber was heißt Meinungs- und Pressefreiheit? Wie sieht es denn im übrigen Europa wirklich aus? In Deutschland geht es da luxuriös zu, aber wie sieht es im Italien von Berlusconi aus? 

Die christliche Minderheit umfasst nur 0,2 Prozent der türkischen Bevölkerung, und man begegnet ihr mit Intoleranz - ist das Selbstbewusstsein der türkischen Mehrheit so gering?

Öger: Wenn wir die Türkei mit deutschen Verhältnissen vergleichen, kommen wir nicht weiter. Im Norden des EU-Landes Griechenland leben 200.000 Türken, die nicht einmal ihren eigenen Pastor wählen. Der wird von Athen entsandt. Athen ist die einzige europäische Hauptstadt, in der es keine einzige Moschee gibt. Die Moscheen, die es gab, sind zerstört, und sie dürfen nicht wieder aufgebaut werden. Bulgarien ist ein Land der Europäischen Union. Ende der 80er Jahre sind anderthalb Millionen Türken aus Bulgarien vertrieben worden, nur weil sie Türken sind, weil sie Moslems sind.

Ist es zuviel verlangt, dass die Türkei volle Religionsfreiheit gewährt?

Müller: Das gehört zur Integration in die Europäische Union dazu. Bei einer Erweiterung der EU geht es nicht um eine Konfrontation zwischen Christentum und Islam. Muslime leben in Bulgarien, in Rumänien, in Albanien, und in Deutschland. Und sie leben in Bosnien-Herzegowina, das auch in die Europäische Union will. Das ist auch akzeptiert. Minderheiten zu akzeptieren, gehört zu den Kopenhagener Kriterien, die muss auch die Türkei erfüllen.

Selcuk: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Wie geht es denn Muslimen in Deutschland? Ich habe meinen muslimischen Glauben, Freundinnen von mir tragen Kopftuch. Denken Sie, dass die toleriert werden? Wissen Sie, mit was für Vorurteilen die tagtäglich konfrontiert werden? Was gab es für Schlagzeilen, als in Köln eine Moschee gebaut wurde! Was gab es da für Proteste! Sehen Sie sich Spiegel-Titelbilder vom Islam an, der als dunkel und bedrohlich gezeichnet wird. So tolerant, wie wir uns geben, sind wir manchmal selbst nicht.

Öger: Frau Müller, Sie sind Europaministerin der CSU, also einer Partei, die sich christlich nennt. Darum betonen Sie auch die christlichen Wurzeln von Europa. Ich teile Ihre Haltung nicht. Europa ist ein Europa der Aufklärung. Wenn Sie von Christentum sprechen, müssen Sie auch an die Inquisition erinnern, an die christlichen Eroberer, an die Hexenverbrennungen. Die Kopenhagener Kriterien sind keine christlichen Kriterien, sondern erkämpfte und erstrittene Werte, die von jeder Religion, von jedem Land geteilt werden können. Im Deutschland der 30er Jahre, einem hochgebildeten Land, war Demokratie verpönt, sie galt als angelsächsisch. Durfte man damals hierzulande Synagogen bauen? Wir reden, als hätten wir die Demokratie in Deutschland erfunden. Nach zwei verlorenen Kriegen wurde die Demokratie in dieses Land gebracht.

Müller: Jetzt vereinfachen Sie aber schon sehr!

Muslime und die EU: Reicht Europa bis nach Anatolien? Die Türkei drängt in die Europäische Union. Reicht Europa bis nach Anatolien? „Nur, wenn die Christen in der Türkei ihre Religion frei ausüben können“, meint der evangelische Auslandsbischof Martin Schindehütte. „Die Türkei ist ein Vorbild für die islamische Welt“, sagt Unternehmer Vural Öger. Beide streiten mit der bayerischen Europaministerin Emilia Müller (CSU) und mit Aylin Selcuk, Vorsitzende der Deukischen Generation, junger Deutschtürken.
Vural Öger sagt, die Türkei entwickele sich rasant.

Öger: Ich lebe gern in Deutschland. Aber jedes Land hat Phasen durchgemacht, und auch die Türkei muss die Chance haben, sich zu entwickeln, wie sich alle anderen Länder sich entwickelt haben. Wir haben den ehemaligen kommunistischen Ländern geholfen, zu demokratischen Staaten zu werden. Wir haben den ehemaligen faschistischen Staaten im Süden, Portugal, Spanien und Griechenland, zum demokratischen Wandel verholfen. Wieso sind wir so zurückhaltend, wenn es um die Türkei geht?

Schindehütte: Die Religionsfreiheit ist als ein Menschenrecht unteilbar. Sie gilt für alle Religionen, und sie wird aus unterschiedlichen Religionen begründet. Es wird spannend sein zu erleben, wie der Islam seine Begründung der Menschenrechte formuliert. Es geht nicht darum, dass Deutschland ein christliches Land wäre, das christlich bleiben müsse, sondern es geht jetzt darum, dass in Europa überall die gleiche Religionsfreiheit für alle gilt. Sie haben Beispiele von Ländern gebracht, die sich von Diktaturen zu Demokratien entwickelt haben. Die Türkei braucht Zeit für ihren Wandel. Aber sie muss akzeptieren, dass wir die derzeitigen Defizite klar benennen. Und wir müssen unterscheiden, wie tolerant handelt der Staat, und wie tolerant handelt die Bevölkerung.

Müller: Bei der Integration der Türkei in die Europäische Union geht es nicht um einen Konflikt des Christentums gegen den Islam. Wir haben eine christlich-jüdisch-humanistische Kultur in Europa, die sich in unserer Verfassung wiederfindet. Unsere Grundwerte sind Akzeptanz, Toleranz und Solidarität. Und wenn wir ein Europa haben wollen, das sich in Einigkeit vertieft, dann dürfen wir nicht eine Erweiterung vorantreiben, ohne dass wir die Geschichte der jeweiligen Länder betrachten, deren gewachsene Kultur, und letztendlich die Zukunft der Europäischen Union. Da müssen wir den kleinsten Nenner suchen: Wo haben wir ein gemeinsames Wir-Gefühl? Und wo sind die Grenzen? Wir können die Geschichte nicht verändern. Und wenn wir über Integration reden, geht es auch darum, wie wir uns gegenseitig in der Andersartigkeit achten.

Gehört zum Wir-Gefühl die Türkei nicht dazu?

Öger: Erstmal geht es ja um die Fortsetzung der Verhandlungen, ob die Türkei jemals EU-Mitglied wird. Wir haben aus dem römischen Recht den Grundsatz übernommen, pacta sunt servanda - wenn Verträge unterschrieben sind, muss man sie einhalten. Ob die Türkei zu  Europa gehört, ist schon längst entschieden. 1949 war die Türkei Gründungsmitglied des Europarates. Wieso wird dann 60 Jahre später darüber diskutiert, ob die Türkei zu Europa gehört oder nicht? Das ist nicht fair!. Helmut Kohl sagte 1997, dass die Bundesrepublik sehr damit einverstanden ist, dass die Türkei eine Perspektive erhält, der Europäischen Union beizutreten.

Schindehütte: Ich sehe noch nichts als entschieden an, sonst müsste man ja nicht mehr verhandeln. Dass die Türkei im Europarat ist, zeigt, dass es eine Verknüpfung zu Europa gibt...

Öger: Nein, ein Mitglied des Europarats ist ein europäisches Land!

Schindehütte: Das eine ist der Europarat, das andere ist die Europäische Union. Und diese Verhandlungen müssen, was den Rechtsstaat betrifft, die Menschenrechte, die Religionsfreiheit und vieles mehr, so geführt werden, dass man am Ende wirklich sagen kann, die Türkei passe in die Europäische Union. Sie haben Recht, die christlich-jüdisch-humanistische Tradition ist Grundlage unserer Verfassung. Wahr ist aber auch, dass unsere Verfassung offen ist für andere Religionen. Also akzeptieren wir, dass die Muslime als Religionsgemeinschaft in unserem Land leben. Unsere Verfassung schließt keine Religion aus, sondern schließt jede ein. Unsere Verfassung wird auch damit gelebt, dass wir mit Muslimen zu einem friedlichen Miteinander und zu Verständnis füreinander kommen.

Selcuk: Keiner hier sagt, dass die Türkei jetzt schon alle Kriterien erfüllt. Aber die Türkei hat einen fairen Prozess verdient. Natürlich müssen Minderheiten geachtet werden, muss die Presse- und Meinungsfreiheit erfüllt werden. Ich beobachte, dass es unfair zugeht. Jedes kleine Problem, auch in Deutschland, was gar nichts mit der Türkei zu tun hat, sondern mit Integration, wird als Drohmittel missbraucht, um zu sagen, ihr kommt aber nicht in die EU, wenn es so weiter geht.

Was heißt kleine Probleme? Nehmen wir die Geschichte des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, der 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde. Weil er an den Völkermord an den Armeniern erinnerte, sah er sich einem Prozess wegen Beleidigung des Türkentums ausgesetzt. Wäre es vorstellbar, dass es einen Paragraphen zur Beleidigung des Deutschtums gäbe?

Selcuk: Nein, aber Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Für Kemal Atatürk war Europa ein Vorbild, und er hat die türkische Identität knallhart durchgesetzt, um damit auch die Demokratisierung voranzutreiben. Dieser Paragraph wurde übrigens abgeändert.

Richtig ist, dass der Paragraph geändert wurde, abgeschafft ist er nicht, und es droht weiter eine bis zu zweijährige Haftstrafe. Das macht die Sache nicht wirklich besser.

Müller: So ist es. Die Türkei hat den Beitrittsstatus. Mit der Türkei wird seit 2005 verhandelt. Das Gemeinschaftsrecht umfasst 35 Kapitel, und jedes Kapitel wird korrekt abgehandelt. Die Kommission unterscheidet nicht, um welches Land es geht, sondern es geht um Fakten. Die Voraussetzungen sind für alle gleich. 13 Kapitel sind eröffnet, ein einziges ist seit 2005 geschlossen. Es liegt also an der Türkei, das Gemeinschaftsrecht umzusetzen und zu erfüllen, die Demokratisierung voranzutreiben und die Kopenhagener Kriterien zu erfüllen.

Öger: Acht Kapitel sind eingefroren wegen Zypern.

Müller: Ja, wegen der türkischen Haltung in diesem Konflikt!

Öger: Man schiebt diesen Konflikt vor, um nein zu sagen. 75 Prozent der türkischen Zyprioten haben einen Plan akzeptiert, Zypern zu einigen. Die griechische Seite hat dazu nein gesagt.

Müller: Die Türken müssen ihre Hausaufgaben machen, sie müssen ihre Häfen und ihre Flughäften öffnen, und den Zyprioten Möglichkeiten eröffnen.

69 Prozent der Deutschen  sind gegen einen Beitritt der Türkei in die Europäische Union. Verletzt Sie, dass die große Mehrheit dagegen ist?

Selcuk: Die Mehrheit kann nichts dafür, weil sie aus den Medien und aus den Debatten eine einseitige Sicht vermittelt bekommt. Nicht jeder hat eine Chance, die Differenziertheit des Problems zu erfassen. Wenn Sie einen Polizisten dumm nennen, riskieren Sie eine empfindliche Geldstrafe oder sogar eine Gefängnisstrafe. Aber Sarazzin hat die gesamte muslimische Bevölkerung als genetisch dumm bezeichnet. Wenn sich so etwas ausbreitet, ist doch klar, dass viele keine Muslime in der EU wollen.

Christen in der Türkei fordern Gerechtigkeit Haben Christen in der Türkei die gleichen Rechte wie Muslime in Deutschland? Nein, sagt Gerhard Duncker. Er war 11 Jahre lang Pfarrer in der deutschen evangelischen Gemeinde in der Türkei. Er berichtet bei Tacheles, wie schwer es ist, als christlicher Pfarrer am Bosporus zu arbeiten. Für ihn steht fest: „Ein christlicher Gottesdienst ist hier ein Gnadenakt des Staates.“
Bischof Schindehütte: Türkische Christen hoffen auf den EU-Beitritt.

Schindehütte: Ich fürchte, dass diese Haltung in der Tat auf Vorurteilen beruht. Wenn man ständig in Frage stellt, dass die Türkei die Kriterien erfüllen kann, wird sie sie nicht erfüllen können. Eine Voraussetzung ist also, dass man der Türkei eine reale Möglichkeit zubilligt, in die Europäische Union hineinzukommen - aber nicht zu ermäßigten Bedingungen, sondern zu den Bedingungen, die für alle anderen gelten.

Müller: So ist es.

Schindehütte: Ein Argument hat mich sehr bewegt bei meinem Besuch in der Türkei im März letzten Jahres. Die Christen in der Türkei, einschließlich des ökumenischen Patriarchen, haben uns um die Unterstützung dafür gebeten, dass die Türkei volles Mitglied der Europäischen Union werden kann. Denn darin sehen die Christen in der Türkei für sich eine Perspektive. Das hat mich sehr überzeugt, darum trete ich dafür ein, dass ein Beitritt möglich ist - aber nicht zu ermäßigten Bedingungen.

Öger: Die Türkei ist ein Land zwischen Europa und Asien. Wenn man nach der Landkarte geht, hätte man Zypern als EU-Mitglied ablehnen müssen, das gehört geografisch zu Asien. Kulturelle oder religiöse Argumente sind im Jahre 2010 keine Argumente mehr. Die Türkei ist das einzige Land, in dem freie Marktwirtschaft, Demokratie und der Islam gut miteinander vereinbart sind. Das könnte ein Modell für den Nahen Osten und für die gesamte islamische Welt sein. Insofern ist die Türkei für Europa von großer strategischer Bedeutung. Und die wirtschaftliche Bedeutung der Türkei ist enorm. Alle Energiewege aus dem Kaukasus und aus dem Nahen Osten laufen durch die Türkei. 50 Milliarden Tonnen Öl liegen im Kaspischen Raum.

Müller: Ich stimme zu, dass die Türkei eine Brücke nach Asien ist und dass die Türkei ein Moderator zwischen Europa und Asien sein kann. Die Türkei ist für uns ein wichtiger Partner, und da spreche ich auch als ehemalige Wirtschaftsministerin. Viele Unternehmen arbeiten mit türkischen Unternehmen eng zusammen und unterhalten in der Türkei ihre Niederlassungen. Der bayerische Freistaat hat in der Türkei eine Auslandsrepräsentanz eröffnet, weil es für deutsche Unternehmen wichtig ist, dort Ansprechpartner zu haben. Geostrategisch ist die Türkei ein absolut positiver Partner. Wir haben absolut nichts gegen die türkische Bevölkerung. Wir wollen gern zusammenarbeiten und favorisieren eine privilegierte Partnerschaft außerhalb der Europäischen Union.

Schindehütte: Die wirtschaftlichen Argumente kann ich nachvollziehen. Wenn wir wirtschaftlich weltweit so eng verflochten sind, können wir nicht mehr sagen, wie jemand im Forum bei Tacheles online, die Kulturen seien inkompatibel. Wir sind dazu verurteilt, oder wir haben die Riesenchance, in der Globalisierung unterschiedliche Kulturen aufeinander zu beziehen. Wir können uns gar nicht mehr abschirmen. Dabei kommt es darauf an, dass die jeweiligen Kulturen ihre Eigenidentität wahren, aber in konstruktive Beziehungen zueinander kommen. Unterschiedliche Religionen und Kulturen müssen miteinander leben, das ist ohne Alternative.

Öger: Es gibt keine einheitliche europäische Kultur. Ein orthodoxer Bulgare hat nicht die gleiche Kultur wie ein anglikanischer Engländer. Ein katholischer Portugiese hat nicht die gleiche Kultur wie ein protestantischer  Finne.

Schindehütte: Gott sei Dank!

Öger: Wir reden, als hätten wir eine gemeinsame christliche Kultur. Es gibt 27 EU-Länder und 27 verschiedene Kulturen. Warum soll ein Land mit einem anderen Glauben, das die gleichen Werte teilt, nicht dazu gehören? Es redet doch keiner davon, dass die Türkei schon heute oder morgen Mitglied wird. Es geht darum, Wort zu halten. Die Türkei wurde 2002 zum Beitrittskandidaten erklärt. Warum bleiben wir nicht dabei? Warum stellt man das immer wieder in Frage?

Müller: Die Türkei hat diesen Beitrittsstatus, keine Frage. Aber wir müssen ehrlich miteinander umgehen. Lügen wir uns doch nicht an! Die Umfragen in der Türkei vom German Marshall Fund zeigen: 62 Prozent der Türken wollen keine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. 

Öger: Aber warum!

Müller: 69 Prozent der Deutschen sind dagegen. Wir werden doch nicht über die Köpfe der Menschen hinweg etwas verwirklichen wollen, was nicht akzeptiert wird.

Selcuk: Die Türkei wird nicht als ebenbürtiger Verhandlungspartner angesehen. Es ist nicht fair, vom Beitritt abzurücken. Das führt in der Türkei dazu, dass man sich sagt, tun wir uns doch eher mit China zusammen oder mit Indien. Warum sollten wir in ein Bündnis hinein, dessen Mitglieder uns nicht wollen?

 Vielleicht liegt es ja auch an Zeitschriftentiteln wie dem Focus-Titelbild, das Bundespräsident Christian Wulff nach seiner Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, in einer Fotomontage als türkischen Pascha zeigt.

Müller: Es gibt schönere Bilder des Präsidenten. Ich halte so ein Bild für unfair. Nichtsdestotrotz ist der Präsident in die Türkei gefahren,  hat dort eine gute Rede gehalten. Gegenseitige Toleranz hat auch etwas mit Achtung des Einzelnen zu tun. Das gehört zu den christlichen Werten, und insgesamt zu unseren Werten. Auch die Bulgaren und die Rumänen mussten dieselben Kriterien erfüllen.
 

Türkei in der Europäischen Union – Hoffnungszeichen oder Desaster? (Online-Echo) Gehört die Türkei in die Europäische Union? Darüber wird im Tacheles-Forum diskutiert. Ein Nutzer meint: „Die muslimisch geprägte Türkei in der EU wäre ein positives Zeichen für die islamische Welt.“ Eine Zuschauerin entgegnet, Religion und Kultur seien zu verschieden. Lena Högemann stellt das Online-Echo bei Tacheles auf Phoenix vor.
Aylin Selcuk: Durch Sarazzins Thesen sei Rassismus salonfähig geworden.

Selcuk: Man geht zum Kiosk und sieht so ein Titelbild, da fühlt man sich unwohl. Wir leben in Deutschland, einem demokratischen, aufgeklärten Land, warum muss ich mir so etwas ansehen? Vor allem bei Älteren schürt so etwas viel Angst. Wir Jüngeren sind da etwas lockerer und sind aktiver. Darum habe ich die Deukische Generation gegründet. Ältere wie meine Eltern, denen geht es damit nicht gut. Die haben Angst. Anschläge auf Ausländer wie in Mölln und Solingen sind in Deutschland passiert. Und nach den Thesen von Sarazzin ist Rassismus in diesem Land wieder salonfähig geworden. Ich erhalte täglich Drohmails. Das löst Angst aus.

Öger: Ich finde das Focus-Titelbild abstoßend. Ich finde auch das Buch von Sarazzin abstoßend. Mich stört, dass die in Deutschland lebenden Türken nicht mehr als Türken, sondern als Moslems bezeichnet werden. Ich lehne es ab, dass man durch die Religion definiert wird. Vor kurzem wurde ich bei einer Diskussion als muslimischer Unternehmer anmoderiert. Da habe ich den Moderator gefragt, was meinen Sie damit, nennen Sie sich einen christlichen Journalisten? Wenn man über den Islam definiert wird, und alles, was in Pakistan, in Afghanistan und sonstwo passiert, geht das zu Lasten der Türken in der Bundesrepublik.

Schindehütte: So ein Titel ist Stimmungsmache. Und es darf nicht sein, dass man unmittelbar Türkei und Islam miteinander verknüpft und eins setzt. Auch der Islam ist in sich nicht eins, sondern ist außerordentlich differenziert. Wir wollen ebensowenig, dass wir als Christen alle in eine bestimmte Ecke gestellt werden. Und hier wird der Bundespräsident türkisch gemacht. Dabei hat er sich in erstaunlicher Weise eingesetzt und gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland, und er hat in der Türkei gesagt, das Christentum gehöre zur Türkei. Wir haben einen Bundespräsidenten, der sich an dieser Stelle etwas traut. Das löst viele Debatten aus.

Öger: Wulff ist als Bundespräsident hervorragend, er hat Mut gehabt.

Der Apostel Paulus war ein Türke, oder genauer - er ist im heute türkischen Tarsus geboren worden.  Was sagt das aus über die Bindung der Türkei an Europa und an das Christentum?

Müller: Das war die vorislamische Zeit. Die Fahne der Türkei hat einen besonderen historischen Hintergrund. Der Halbmond stammt von Diana, der Göttin der Jagd, und der Stern kommt von der Jungfrau Maria. Konstantin der Große, nachdem Konstantinopel so heißt, hat diese Stadt, das heutige Istanbul, der Jungfrau Maria gewidmet. Und deshalb haben die Türken den Stern in ihrer Nationalfahne - ein Relikt aus der vorislamischen Zeit, die zur türkischen Kultur gehört.

Öger: Wulff hat einen guten Beginn gemacht. Wir sollten das Thema Türkei-Beitritt weniger emotional und sachlicher behandeln. Thesen wie die von Sarazzin helfen dabei nicht, wenn jemand unterstellt, es gebe dumme und kluge Völker. Es gibt vielleicht dumme und kluge Menschen. Aber man kann nicht ganze Völker verdammen. Den Türken wird unterstellt, als würde das Land nach der Scharia regiert. Die Türkei ist laizistisch, sie hat ein Grundgesetz nach Schweizer Vorbild. Wir haben im Musikunterricht Mozart und Beethoven gehört und an der Schule über Nietzsche und Kant gestritten. Aus der Türkei sind bildungsferne Menschen, wie das heute heißt, vor allem aus bäuerlichen Regionen, nach Deutschland gekommen. Die meisten von ihnen waren ohne Arbeit, ohne Berufsausbildung und ohne viel Schulbildung. Sie prägen ein Türkenbild, das wenig zu tun hat mit der modernen Türkei.

Müller: Laizismus kann sehr unterschiedlich sein, in Frankreich ist er ganz anders als in der Türkei. In der Türkei wird die Religion sehr stark vom Staat kontrolliert.

Schindehütte: Wir haben die Religionsbehörde der Türkei besucht. Sie beschäftigt an die 100.000 Menschen, zum Großteil Imame. Das Diyanet ist die größte Behörde der Türkei, bildet die Imame aus, kontrolliert  sie, lässt ihnen Freitagspredigten zukommen, schickt einige nach Deutschland - das ist ein sehr anderer Laizismus, wenn es überhaupt einer ist, als in Frankreich.

Das Kopftuchverbot  an den Hochschulen wurde aufgehoben,  die Frau des türkischen Staatspräsidenten zeigte sich mit Kopftuch, eine islamische Partei regiert die Türkei. Sehen wir also einen besondere Reislamisierung der Türkei?  
 

Schindehütte: In vielen Ländern, auch in der Türkei, zeigen Menschen ihren Glauben wieder viel stärker. Das ist keine Bedrohung, sondern eine Tatsache.

Müller: Eine Reislamisierung ist unübersehbar. Selbst der türkische Generalkonsul bei uns in Bayern sagt mir, dass er heute in München sehr viel mehr Frauen mit Kopftuch sieht als zehn Jahre zuvor.

Selcuk: Ich sehe diese Strömung auch. Aber worauf geht sie zurück? Das liegt daran, dass man mit dem muslimischen Glauben derzeit unter Druck steht. Der Islam wird gleichgestellt mit Terrorismus. In der ganzen Welt wird Panik geschürt. Darum klammern sich Menschen mehr an ihren muslimischen Glauben. Türkischstämmige Menschen, die nach Deutschland ausgewandert sind, haben an ihrer Kultur stärker festgehalten als diejenigen, die in der Türkei geblieben sind. Ein Teil der Lösung des Konflikts ist es, weniger Vorurteile gegen den Islam zu richten, damit Muslime sich frei fühlen und sich nicht gezwungen sehen, seinen Glauben noch stärker zu demonstrieren.

Schindehütte: Wenn Menschen ihre Religion zeigen, ist das ihr Recht. Das gehört zur positiven Religionsfreiheit. Und wenn Muslime ihren Glauben sichtbar machen, heißt das noch lange nicht, dass das eine Reislamisierung sei, die zum Extremismus führe. Ich trage ein kleines Kreuz, damit ich als Christ erkennbar bin. Das gehört zu unseren Menschenrechten.


Dokumentation: Thomas Hestermann

Gehört die Türkei in die EU? Was das Tacheles-Publikum dazu sagt. Gehört die Türkei in die EU? Kommt darauf an, sagen die einen. Ein Herr im Tacheles-Publikum meint dagegen zu Tacheles-Moderator Jan Dieckmann: Die Türken leben schon lange in Europa, nun sollten sie auch zur EU gehören.